«Und, wo geht ihr hin?» Es ist die zurzeit vielleicht meistgestellte Frage. Und anders als in früheren Jahren kommt die Antwort nicht allen leicht über die Lippen. Darf ich noch sagen, dass wir eine Kreuzfahrt machen? Mit dem Flugzeug nach Griechenland fliegen? Oder an die italienische Küste fahren, wo womöglich gestrandete Bootsflüchtlinge abgewiesen werden?

Ferien, das ist ja eigentlich die Zeit, in der man sich erholt. Zu diesem Zweck hat das Parlament im Jahr 1966 auch einen bezahlten Arbeitsurlaub (von damals zwei Wochen) eingeführt. Doch Ferien sind kompliziert geworden, sie fühlen sich für viele anstrengend an. Das Smartphone, das unser Leben vereinfachen sollte, hat daran nichts geändert, im Gegenteil: Nun reicht es nicht mehr, etwas zu erleben, man glaubt, es auch noch mit allen teilen zu müssen. Schliesslich sollen auf Facebook und Instagram alle erfahren, wie toll die Ferien sind. Und wenn Kinder dabei sind, fragen sich Eltern schon mal, ob der Nachwuchs eigentlich etwas mitbekommt von all den Sehenswürdigkeiten, wenn er doch dauernd am Gamen ist oder Youtube-Videos schaut. Dafür hätten wir doch auch zuhause bleiben können!

Wohldosierte Langeweile ist unabdingbar

Gerade der Anspruch, die perfekten Ferien zu haben, für sich und seine Familie, macht den Stress erst aus. Stau, schlechtes Wetter oder das Fehlen der Lieblingskonfitüre am Frühstücksbuffet, das erträgt es dann nicht, das haben wir nicht verdient, dafür arbeiten wir zu viel! Die vermeintlich kurze Zeit – effektiv hatten Schweizer noch nie so viel Ferien wie heute – soll optimal ausgenutzt werden. Und so sieht man am Flughafen knapp angereiste Eltern ihre Kinder durch die Terminals jagen. Man beobachtet die Rastlosigkeit an Stränden und auf Spielplätzen. Schnell weiter zum nächsten Abenteuer, nur nichts verpassen, wir wollen uns möglichst intensiv erholen! Und wer den Liegestuhl mal hergerichtet hat, greift sofort wieder zum Smartphone. Eine Push-Nachricht hier, der Facebook-Post eines Kollegen dort, und sollte man nicht mal noch das Geschäfts-Mail checken? Nur nichts verpassen!

Dabei wissen wir es doch eigentlich: Jeder Mensch muss zwischendurch runterfahren und abschalten (zwei Verben, die es schon vor dem Smartphone gab). Erholung bedeutet nicht, die Zeit maximal auszunutzen, sondern sie ein Stück weit zu verschwenden – auch wenn Zeitverschwendung dem multitaskenden Menschen ein ebenso schlechtes Gewissen beschert wie ein Langstreckenflug. Um dieses zu vertreiben, hilft ihm vielleicht die wissenschaftliche Erkenntnis, dass wohldosierte Langeweile unabdingbar ist, um kreativ zu sein – letztlich also die Produktivität verbessert.

So wie das Leben der Kinder in Bullerbü bei Astrid Lindgren

Welches sind die schönsten Ferien? Wenn wir uns an die eigene Kindheit zurückerinnern, sind es selten Besuche in Freizeitparks oder sonst wie durchorganisierte Vergnügungen. Auch nicht zwingend Reisen an die entferntesten Ziele. Sondern vielleicht lange, laue Sommerabende mit Übernachtung bei den Grosseltern. Das endlose Spielen mit anderen Kindern auf einem Zeltplatz, das Zielen mit einem flattrigen Ball auf selbst gemachte Tore. Das Stauen eines Bergbachs oder eine Wanderung, gegen die man zuerst rebelliert hat, die dann aber wegen eines Gewitters zu einem unvergesslichen Erlebnis geworden ist.

Solche Erinnerungen sind oft verklärt und fast zu schön, um wahr zu sein, so wie das Leben der Kinder in Bullerbü bei Astrid Lindgren: «Sie liegen im Heu und hüpfen im Heuhaufen. Sie klettern auf Berge und suchen nach Schätzen, sie verziehen Rüben und verkaufen Kirschen. Sie lesen dem alten Grossvater aus der Zeitung vor.» Zu romantisch klingt das, und ja, da waren auch noch keine Smartphones im Spiel. Aber insgeheim wünschen wir uns doch, dass auch unsere Kinder dereinst solche Ferienerinnerungen haben.

«Und, wo geht ihr hin?» Egal, ob nah oder fern, wenn der urlaubende Familienmensch die Zeit nicht zwanghaft mit Sinn und Aktivitäten optimiert, sind wohl überall Bullerbü- Momente möglich.