Wenn von der Ostschweiz die Rede ist, ertönen nicht immer nur Lobeshymnen. Brötig, mutlos, nüchtern, auch etwas fade sei sie, meinen die Kritiker und Nörgeler, die nicht selten aus anderen Landesteilen kommen.

Zudem stehen wir uns mit meist nicht gerechtfertigten Minderwertigkeitskomplexen zuweilen selber im Weg. Oder mit dem Gefühl, zu kurz zu kommen und einer Randregion anzugehören.

Und nun das: Der möglicherweise erfolgreichste Tennisspieler aller Zeiten zieht definitiv um - nicht nach Paris, New York, Doha oder Zürich, sondern in den Kanton St.Gallen. Seit gestern ist klar, dass Roger Federer ein auf 40 bis 50 Millionen Franken geschätztes Grundstück in Rapperswil gekauft hat.

Am St.Galler Ufer des Zürichsees will er sich mit seiner Familie nach der Tenniskarriere niederlassen. Es ist eine Art Heimkehr zu den Wurzeln. Während Federers Vater aus dem St.Galler Rheintal stammt, ist Federers Frau Mirka in Kreuzlingen aufgewachsen.

Wenn Federer spielt, interessiert das auch
in Kalkutta oder Toronto

Die Ostschweiz und Federer: Passt das zusammen? Der fünffache Weltsportler ist rein imagemässig das wohl erfolgreichste Exportprodukt, das die Schweiz je hatte. Der spektakuläre Wimbledon-Final gegen Novak Djokovic vor einer Woche, der nicht nur in sportinteressierten Kreisen rund um den Globus Gesprächsstoff lieferte, zeigte es wieder einmal: Wenn Federer in grossen Finals spielt, lässt das kaum jemanden kalt. Er ist in Kalkutta genauso bekannt wie in Schanghai oder Toronto.

Federer ist nicht nur äusserst erfolgreich, er verkörpert neben Weltläufigkeit und extremer Professionalität auch Demut, Bescheidenheit und Umgänglichkeit, wie sich dieser Tage bei vielen Zufallsbegegnungen auf seinen Wanderungen im Alpstein zeigte. Eigenschaften, die er sich bei allen Erfolgen bewahrt hat.

Wenn von diesem Image des bald berühmtesten Einwohners des Kantons auch nur ein Bruchteil auf unsere Region abfärbt, ist das schon erfreulich. Wenn künftig vom Kanton St.Gallen die Rede ist, denken viele vielleicht nicht mehr nur an Olma, Bratwurst, Kloster oder HSG, sondern auch an Federer. Damit gewinnt man noch kein Spiel, aber möglicherweise doch den einen oder anderen Ballwechsel.