Wochenkommentar

Frauen scheitern an der Doppelmoral

Die SP erklärte bereits am Dienstag, dass sie nicht geschlossen hinter der Kandidatur von Isabelle Moret steht: Die Fraktion verzichtete auf eine Wahlempfehlung.

Die SP erklärte bereits am Dienstag, dass sie nicht geschlossen hinter der Kandidatur von Isabelle Moret steht: Die Fraktion verzichtete auf eine Wahlempfehlung.

In ihrem Wochenkommentar schreibt Co-Ressortleiterin Inland, Anna Wanner, über die Frauenfrage bei den Bundesratswahlen.

Als die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel vor einer Woche in einer ZDF-Sendung Bürgerfragen beantwortete, wurde sie gleich mehrmals auf dem falschen Fuss erwischt. Auf die Frage, ob sie auch nach ihrer Amtszeit noch Hosenanzüge tragen werde, antwortete die Kanzlerin nach langem Zögern, sie trage bereits heute in ihrer Freizeit gerne Jeans.

Und als sie gefragt wurde, wie sie sich in der Männerdomäne Politik behaupten könne, wusste sie nichts anderes zu sagen, als dass sie einfach so weitermache wie bisher.
Für Merkel sind Fragen rund um das Geschlecht schlicht kein Thema.

Ganz anders in der Schweiz. Hauptsächlich Parlamentarierinnen sehen die Bundesratswahl vom Mittwoch als verpasste Chance: Die Frau hätte gewinnen müssen, weil sie eine Frau ist. Nur halten das offenbar nicht einmal jene für zwingend, die sich für Frauenquoten starkmachen. So offenbarte die SP bereits am Dienstag, dass sie nicht geschlossen hinter der Kandidatur Isabelle Moret steht: Die Fraktion verzichtete auf eine Wahlempfehlung.

Am Mittwochmorgen schrieb dann die Mehrheit der SP den Namen Pierre Maudet auf den Stimmzettel. Das mag taktische Gründe gehabt haben: Maudet überzeugte auch CVP- und BDP-Politiker. Mit ihm hätte ein Bundesrat Cassis am ehesten verhindert werden können. Gereicht hat es dann trotzdem nicht. Deshalb fällt die Frauenfrage auf die Sozialdemokraten zurück: Es lässt sich aus SP-Sicht nur schwer erklären, wieso die Partei der einzigen Frau im Rennen den Laufpass gab.

Dabei ist es durchaus möglich, dass Moret mit ihren Kom-
petenzen nicht überzeugen konnte, dass sie aus dem falschen Kanton stammt (auch Guy Parmelin ist aus der Waadt) oder dass sie politisch zu weit von der SP entfernt ist. Das sind legitime Argumente. Sie auszusprechen, getraut sich aber niemand. In der Quotendiskussion zählen sie halt einfach nicht.

Der Fluch der Durchschnittlichkeit

Nun ist es keine Entschuldigung, aber eine politische Realität, dass in Bundesratswahlen nicht zwingend die besten Kandidaten gekürt werden. Dafür braucht man in der Zeit gar nicht weit zurückzugehen. Bei der Ersatzwahl von Eveline Widmer-Schlumpf 2015 überzeugten sowohl Thomas Aeschi als auch Norman Gobbi mehr als Guy Parmelin. Für viele Politiker links der SVP waren sie aber nicht wählbar.

Dasselbe musste FDP-Ständerätin Karin Keller-Sutter erfahren, die mindestens so qualifiziert war für den Job wie ihr Herausforderer. Das Perfide daran: Nach den Hearings hiess es, Keller-Sutter sei «brillant» gewesen, zu brillant. Das weckte bei den Politikern den Argwohn. So wählte das Parlament Johann Schneider-Ammann – mit kräftiger Unterstützung von links.

Das zeigt: Bundesratswahlen haben eine eigene Dynamik. Die Wahl lässt sich weder mit dem Kriterium Geschlecht noch mit der Herkunft alleine gewinnen. Sonst würde aktuell neben Karin Keller-Sutter auch Norman Gobbi im Bundesrat sitzen.

Zudem ist es kein Geheimnis, dass Kandidaten, die als «gemässigt» gelten, das Rennen für sich entscheiden. Der Parteiliebling startet mit einem Nachteil, weil die politischen Gegner ihn verhindern wollen. Deshalb stimmt das Argument nur halbwegs, dass Frauen glänzen müssen, um gewählt zu werden, während bei Männern blosser Durchschnitt reicht.

Eigene Qualitäten herausstreichen

Was hingegen leider stimmt: An Frauen werden ungleich höhere Ansprüche gestellt. Und das ist unfair. Sie müssen neben Sachkompetenz mindestens ein starkes Auftreten sowie Führungserfahrung haben. Guy Parmelin und Johann Schneider-Ammann lassen grüssen! Wer deswegen nun Quoten oder neue Verfassungsregeln für eine «angemessene Vertretung der Frauen im Bundesrat» fordert, wandelt auf dem Holzweg.

Viel wichtiger, als irgendeine Frau in der Regierung zu haben, ist es, eine gute Frau in der Regierung zu haben. Dazu braucht es erstens verstärkt Aufbauarbeit in den Parteien. Fragt man nach qualifizierten Nachfolgerinnen von Doris Leuthard in der CVP, heisst es nur: zu ernsthaft und verbissen oder zu viel heisse Luft. Das sind Eigenschaften, an denen sich arbeiten lässt. Gebt den Frauen mehr Verantwortung in Sachgeschäften und Führungsfunktionen! Sie können das.

Zweitens müssen Frauen ihre eigenen Qualitäten stärker hervorheben. Dass Isabelle Moret die Rolle der alleinerziehenden Mutter im Wahlkampf nicht stärker ausgespielt hat, ist ein Versäumnis. Wer weiss, was Erziehungsarbeit bedeutet, der kann eine Frau nur bewundern, die Kinder, Job und Politik unter einen Hut bringt. Diese Flexibilität, Sozialkompetenz sowie das unerlässliche Organisationstalent bringt ein Mann selten mit.

Am Ende obsiegt doch der Mann

Für Aufbauarbeit bleibt wenig Zeit. Der nächste Bundesrat wird 2019 gewählt. Dann muss auch die Linke beweisen, dass sie Frauen will – und einer Karin Keller-Sutter oder Magdalena Martullo-Blocher zur Wahl verhelfen. Deren Qualifikationen sind tadellos. Trotzdem würde es eben nicht überraschen, wenn am Ende der schwächere Mann als Sieger hervorgeht.

anna.wanner@schweizamwochenende.ch

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