Es ist laut zum Jahresende, so wie es das ganze Jahr über laut war: In Syrien explodieren Bomben, Donald Trumps lärmende Tweets versiegen auch in der Adventszeit nicht, der Hype um den Bitcoin wird schriller, und auch in der vergleichsweise betulichen Schweiz
sind die Misstöne zwischen Bern und Brüssel wegen des Börsenstreits in dieser Woche ohrenbetäubend geworden.

Da kommt Weihnachten gerade zur rechten Zeit. Wir sehnen uns nach Stille, nach Besinnlichkeit, nach Geborgenheit. Doch wer dieses Fest nur mit Frieden und Harmonie verbindet, kennt die Weihnachtsgeschichte nicht: Zu ihr gehört auch ein grauenhafter Massenmord.

König Herodes soll angeordnet haben, alle männlichen Kleinkinder in Bethlehem zu töten, um einen möglichen Konkurrenten zu beseitigen – Jesus, den neugeborenen König der Juden. Diesen barbarischen Vorgang mutet das Krippenspiel «Zäller Wiehnacht» sogar Besuchern im Kindergartenalter zu, allerdings wird die schreckliche Szene bei einigen Veranstaltungen herausgekürzt.

Das Böse gibt es auch zu Weihnachten, dem Fest des Friedens. So ist die Welt, damals und heute. Vor einem Jahr tötete ein islamistischer Terrorist auf dem Weihnachtsmarkt in Berlin zwölf Menschen mit einem Lastwagen. Es war ein weiterer Teil einer endlos scheinenden Terror-Serie, der zuvor auch in Paris, Nizza, London, Barcelona und weiteren Städten Menschenleben zum Opfer gefallen waren.

Das Problem ist noch lange nicht gelöst, und womöglich wird es sich nie gänzlich lösen lassen – doch man darf feststellen, dass die Terror-Serie dieses Jahr nicht so weiterging, wie es im Dezember 2016 zunächst ausgesehen hatte. Es gibt Licht in der Dunkelheit: In der Terrorbekämpfung wurden Fortschritte erzielt, und erfreulich ist auch, dass der Islamische Staat – eine Keimzelle des terroristischen Übels – 2017 stark zurückgedrängt wurde und an Bedeutung verlor.

Das Scheitern der Terroristen

Ihr wichtigstes Ziel haben die Terroristen bislang verfehlt: Unsere freie, offene Gesellschaft hat sich nicht zermürben lassen. Weihnachtsmärkte finden statt wie eh und je, und sie sind gut besucht. Zwar erinnern uns die Betonklötze, die vor Amok-Fahrten schützen sollen, an die latente Gefahr, aber wir haben gelernt, dass solche Massnahmen zur neuen Realität gehören.

Unseren Lebensstil haben wir deswegen nicht geändert, das Zusammenleben verschiedener Kulturen in Europa und in der Schweiz funktioniert. Seit dem 11. September 2001 sind in den USA und in Europa die Terror-Risiken allgegenwärtig, doch die Menschen können mit der Unsicherheit umgehen. Ganz im Sinn der Weihnachtsgeschichte, in welcher
der Engel ruft: «Fürchtet euch nicht!»

Die Schweiz steht gut da

Angst war schon immer ein schlechter Ratgeber. Weihnachten ist die Hoffnung, dass es am Ende doch gut kommt – ein Appell gegen Pessimismus und Untergangsbeschwörung. Wer in der Schweiz lebt, dem fällt die Zuversicht leichter als den Menschen in vielen anderen Teilen der Welt. All die vorhergesagten Katastrophen – der ökonomische Zusammenbruch und die Totalisolation nach dem EWR-Nein vor 25 Jahren, massenhafte Firmen-Verlagerungen ins Ausland nach der Abzocker- und Masseneinwanderungsinitiative – sind ausgeblieben.

Die Schweiz steht wirtschaftlich gut da. Man hat dieses Jahr zwar viele Schlagzeilen über Stellenabbau gelesen; still und leise wurden aber mehr Jobs neu geschaffen als abgebaut. Die Beschäftigung ist gewachsen. Gesunken ist hingegen die Kriminalität, das Land ist sicherer geworden. Das Getöse der schlechten Nachrichten übertönt die vielen erfreulichen Entwicklungen, die dieses Jahr eben auch stattfanden.

Auch die christlich-abendländischen Kulturpessimisten haben falsch gelegen. Liest man alte Interviews von Bischöfen aus den 1990er- oder 2000er-Jahren nach, müsste unsere Gesellschaft inzwischen komplett «entchristlicht» sein. Doch nach wie vor wird Weihnachten gefeiert, werden an den Schulen Weihnachtslieder gesungen und in überfüllten Kirchen Krippenspiele aufgeführt.

Gewiss, es gibt viele Kirchenaustritte, wenngleich diese zumindest bei den Katholiken durch die Zuwanderung von katholischen Südländern beinahe ausgeglichen werden. Aber die Landeskirchen sind nach wie vor stark – und wer ihnen nicht angehört, kann viele ihrer Werte, wie Solidarität und Toleranz, genauso gut vertreten.

Der wachsende Anteil anderer Kulturen und Religionen – insbesondere der islamischen – weckt viele Menschen aus ihrer Gleichgültigkeit und erinnert sie daran, die Werte unserer eigenen Kultur neu zu schätzen. Man erkennt das etwa an der Diskussion um ein Burkaverbot, die eine Stellvertreterdebatte ist und zentrale Fragen wie die Freiheit oder Gleichstellung betrifft. Unsere Gesellschaft ist womöglich gefestigter und beständiger, als es noch vor wenigen Jahren schien. Sie braucht sich nicht vor der Zukunft zu fürchten.