Wenn wir von geschichtlichen Ereignissen, etwa vom Ausbruch des Ersten Weltkrieges, hören oder lesen, mag sich uns die Frage aufdrängen, ob es in einer Zeit, die uns mit ihren eigenen Problemen schon voll in Anspruch nimmt, überhaupt noch angebracht sei, sich mit der Vergangenheit zu befassen. Die vielgehörte Antwort, es sei eben interessant zu wissen, was sich in früheren Zeiten zugetragen habe, kann uns nicht befriedigen; denn Interessantes finden wir in der Tagespresse und der Tagespolitik mehr als genug.

Auch die Begründung, die Probleme unserer Gegenwart könnten wir nur dann richtig verstehen, wenn wir ihre Entwicklung durch die Jahrhunderte bis in ihre Ursprünge zurückverfolgten, reicht allein nicht aus, uns von der Notwendigkeit einer tieferen geschichtlichen Besinnung zu überzeugen. Es muss Weiteres dazukommen.

Unsere menschliche Existenz in ihrer Geschichtlichkeit begreifen

Bei der Beschäftigung mit der Geschichte geht es nicht einfach darum, aus der Vergangenheit die Gegenwart zu verstehen und Rezepte für die Zukunft zu erhalten, sondern vielmehr um die Möglichkeit, unsere eigene menschliche Existenz in ihrer Geschichtlichkeit zu begreifen. Jeder von uns ist in eine bestimmte Zeit, eine bestimmte Kultur und in eine bestimmte Gesellschaft hineingeboren. Dieses Erbe fordert unausweichlich zu einer Auseinandersetzung, zu Annahme oder Ablehnung auf, die jeder Mensch bewusst oder unbewusst im Leben und Handeln vollzieht. Dabei wird der Einzelne bestimmt von den Menschen früherer Generationen wie auch von den eigenen Zeitgenossen und wirkt seinerseits durch seine Taten, aber auch durch seine Tatenlosigkeit mit am Glück oder Unglück derer, die mit ihm und nach ihm leben. So hält die Geschichte letztlich Antworten auf die eine grosse Frage bereit: Wie sind wir zu dem geworden, was wir sind?

Wer mit den Menschen früherer Zeiten in lebendiger Anteilnahme geplant und gehandelt, vielleicht auch geirrt, gelitten und umgedacht hat, wird umso fähiger sein, zu den Fragen seiner eigenen Zeit sachlich Stellung zu nehmen. Das setzt freilich eine eingehende Kenntnis wichtiger geschichtlicher Prozesse, wie zum Beispiel die Entstehung der Menschenrechte in der Aufklärung oder des «Kalten Krieges» nach dem Zweiten Weltkrieg, voraus. Doch solche geschichtlichen Kenntnisse, vor allem die grundlegende Tatsache, dass die Kenntnis der Vergangenheit Teil unserer Kultur ist, scheinen in der heutigen Generation mehr und mehr in Vergessenheit zu geraten.

In einigen Kantonen gibt es nur noch eine Wochenlektion

Dies dürfte vor allem zwei Gründe haben: Zum einen hat der Geschichtsunterricht in unseren Schulen, vor allem, seit mit dem Lehrplan 21 neue Fächer wie die Frühfremdsprachen und «Medien und Informatik» den Vorrang erhalten haben und seit bei den grossen Evaluationen wie PISA Geschichte inexistent ist, eine gewaltige Abwertung erfahren. In einigen Kantonen wird gerade noch eine Wochenlektion für Geschichte gewährt.

Dazu kommt, dass Geschichte als eigenständisches Fach in der Volksschule verschwunden ist und durch das schwammige Sammelfach «Räume, Zeiten, Gesellschaften», das alles Mögliche an Realien umfasst, ersetzt wurde. Jeder Lehrperson ist es nun, je nach Vorlieben, im Grunde überlassen, ob sie die ein bis zwei Wochenlektionen jeweils für historische, gesellschaftliche oder politische Themen verwenden will. Kein Wunder, dass das Fach Geschichte an unseren Universitäten heute nur noch von knapp drei Prozent aller Studierenden gewählt wird.

Und zum andern ist unserer Generation geschichtliches Denken, die Einsicht, dass es immer Menschen mit historischem Bewusstsein waren, die Neues geschaffen und die Gesellschaft vorangebracht haben, weitgehend abhandengekommen. Die Gründung der Vereinten Nationen oder der Europäischen Union, die Wiedervereinigung Deutschlands und das weitgehend friedliche Ende der Sowjetunion waren Leistungen, die aus einem übergeordneten Verständnis der Geschichte hervorgingen und ohne es nicht erklärbar sind. Eine solche Sicht auf das Vergangene ist eine unabdingbare Voraussetzung für richtiges Handeln im Heute.