Eines kann man Donald Trump nicht vorwerfen: dass er seinen Worten keine Taten folgen lasse. Die Drohung des US-Präsidenten, chinesische Importe im Wert von 200 Milliarden Dollar mit Zöllen zu belegen, stiess in der amerikanischen Wirtschaft und auch in seiner eigenen Partei auf riesigen Widerstand, doch das liess den Präsidenten kalt. Nun verfügte er: Ab Montag gelten 10 Prozent Zoll auf der Einfuhr vieler chinesischer Produkte, später steigt die Abgabe gar auf 25 Prozent. Schon für Weihnachtsgeschenke aus chinesischer Produktion – Spielwaren, Elektronikartikel, Kleider – werden die Amerikaner mehr zahlen müssen.

Ein gewaltiges Experiment

Was zwischen den USA und China gerade geschieht, ist ein gewaltiges ökonomisches Experiment mit ungewissem Ausgang. Der Begriff «Handelskrieg» scheint nicht zu hoch gegriffen, denn erstens spielt sich der Konflikt zwischen den beiden grössten Volkswirtschaften der Welt ab und zweitens belegen die USA fast die Hälfte sämtlicher Importe aus China mit Zöllen. Und die nächste Eskalationsstufe ist schon angekündigt: Trump meint es zweifellos ernst, wenn er sagt, er werde «sofort» auch noch die andere Hälfte der Importe mit Zöllen belegen, falls sich China jetzt mit noch höheren Handelshemmnissen an den USA räche und nicht «endlich fairen Handel» ermögliche – sprich, die (seit langem existierenden Zölle) auf Importen amerikanischer Waren aufhebt und US-Unternehmen ermöglicht, chinesische Firmen zu übernehmen.

Ex-UBS-Chef Oswald Grübel, ein liberaler Kopf, hat im Interview mit der «Schweiz am Wochenende» Sympathien für Trumps Handelspolitik bekundet und gesagt: «Er ist der Erste, der sich den Chinesen entgegenstellt. Die USA mit ihren enormen Handelsdefiziten haben China gross gemacht.» Und Grübel sprach auch aus, wozu vielen Schweizer CEOs der Mut fehlt, weil sie in China Geschäfte machen: «Die Chinesen wollen die Weltherrschaft. Wenn sie zur grössten Wirtschaftsmacht werden, dann werden sie auch versuchen, ihr politisches Modell weltweit durchzusetzen.» Aus Sicht eines Europäers, eines Schweizers, eines Demokraten ist darum zu begrüssen, dass die USA es wagen, von China gleich lange Spiesse im Freihandel einzufordern. Die EU, aber auch die Schweiz verhalten sich gegenüber China aus einer kurzfristigen Optik heraus zu devot. Allerdings bleibt die Frage offen, ob Trump mit seiner Zollpolitik die beste Strategie fährt, um das richtige Ziel zu erreichen: Wird China wirklich nachgeben? Oder seinerseits den Handelskrieg noch ausweiten?

USA sind am längeren Hebel

So viele Möglichkeiten haben die Chinesen jedoch gar nicht, denn Trump verfügt über einen Trumpf: Die USA kaufen den Chinesen viel mehr Waren ab als umgekehrt. Selbst die Trump-kritische «New York Times» räumte ein, dass der US-Präsident womöglich am längeren Hebel sitze. Als er im Juli die ersten Zölle auf China-Importen von 34 Milliarden Dollar einführte, beschloss das kommunistische Regime umgehend Zölle in gleichem Umfang. Und als Trump dann weitere 16 Milliarden belegte, reagierte Peking wieder eins zu eins. Doch jetzt, bei der 200-Milliarden-Dollar-Tranche, können die roten Staatskapitalisten nicht mehr mithalten, denn so viele Waren importieren die Chinesen gar nicht. Es gäbe zwar andere Rache-Möglichkeiten, etwa ein Verbot für US-Firmen, in China tätig zu sein. Doch damit gingen Arbeitsplätze in China verloren, was das Regime kaum in Kauf nimmt.

Trump spielt auch die Konjunktur in die Hände. Während die US-Wirtschaft in Rekordtempo expandiert, hat sich das Wachstum Chinas abgekühlt – Peking treffen die Zölle in einem empfindlichen Moment, während die USA sich deren Folgen leisten können. Die Börse in Schanghai ist bereits stark gesunken, ebenso der Wert der chinesischen Währung.

In politischer Hinsicht indes hat China die besseren Karten, zumindest auf den ersten Blick. Das autoritäre Regime denkt langfristig und muss sich nicht mit lästigen Wahlen befassen, die in den USA Trump wieder wegspülen könnten. Und doch: Auch Chinas Regierung ist verletzlich. Die kommunistische Elite fürchtet nichts so sehr wie einen wirtschaftlichen Abschwung, denn dieser könnte ihre Machtlegitimation unterminieren und gar zu Volksaufständen führen. Darum kann Peking in diesem Handelskrieg nicht allzu weit gehen.

patrik.mueller@azmedien.ch