Katholische Kirche

Hört auf zu betteln: Handelt!

Bereits die Kirchenväter schmähten die Frau, weil Eva den Apfel von der Schlange genommen hatte.

Bereits die Kirchenväter schmähten die Frau, weil Eva den Apfel von der Schlange genommen hatte.

Die Spitze der Katholischen Kirche berät anlässlich der Amazonas-Dynode über die Rolle der Frau. Der streitbare Theologe Josef Hochstrasser rät den Gemeinden hier, den Weg des jesuanischen Ungehorsams zu beschreiten. Und Frauen zu Priesterinnen zu weihen.

Die Katholische Kirche steht wieder einmal in Flammen. In weiten Teilen Südamerikas laufen die Menschen den christlichen Kirchen davon. Evangelikale Gruppierungen sind attraktiver. Nicht nur der brennende Regenwald alarmiert die Kirchenzentrale in Rom. Es ist auch der rasant zunehmende Priestermangel. In den nächsten drei Wochen stecken 185 Kirchenobere die Köpfe zusammen, um drängende Probleme der Kirche zu lösen. Zur Sprache kommt auch die Rolle der Frau. Schon seit Jahrhunderten hängt das Thema Frau als Damoklesschwert im Nacken der Kirche. Einst erdreistete sich Eva, die verbotene Frucht des Baums in der Mitte des Paradieses zu pflücken. Seither wird sie als Verführerin gebrandmarkt. Besonders arg beschmutzte der Kirchenvater Tertullian das Ansehen der Frau. Er warf ihr vor: «Du bist es, die dem Teufel Eingang verschafft hat. Du hast das Siegel jenes Baumes gebrochen. Du hast zuerst das göttliche Gesetz im Stich gelassen. Du bist es auch, die denjenigen betört hat, dem der Teufel nicht zu nahen vermochte. So leicht hast du den Mann, das Ebenbild Gottes, zu Boden geworfen. Wegen deiner Schuld musste auch der Sohn Gottes sterben.»

Tertullians Amtskollege Augustinus begründet mit Evas Tat sogar seine verwegene Lehre der Erbsünde. Dabei war Eva doch mutig und selbstbewusst. Sie hat das Tabu eines autoritären Gottes gebrochen. Auf diesem Ungehorsam bauen ganze Heerscharen von Theologen schon über Jahrhunderte hinweg ihre frauenverachtenden Ideologien auf. Sie sind es, die anlässlich der Amazonas-Synode womöglich erneut einen mutigen Schritt der katholischen Kirche zur vollständigen Gleichstellung der Frau verhindern.

Das Kirchenvolk steht aber längst woanders. Weite Teile der Kirchenbasis befürworten heute selbst die Weihe von Frauen zu Priesterinnen. Strategisch ist es aber klüger, erst verheiratete Männer zu Priestern zu weihen. Auf Druck der prekären Lage im Amazonasgebiet erwägt die Synode immerhin diese Option. Unzählige Gemeinden stehen dort ohne Priester da. Niemand kann und darf mit ihnen die Messe feiern. Niemand? Hier setzt die Frage ein, wie der Pflichtzölibat endlich aufgehoben werden kann. Doch Papst Franziskus laviert. Der deutschen Kirche spricht er Mut zu, Reformen voranzutreiben, um sogleich wieder zu betonen, Erneuerungen dürfen nicht ohne seinen Segen realisiert werden.

Konkret: Eine Gemeinde, deren Priester heiraten will, beschäftigt diesen mit allen amtlichen Kompetenzen weiter. Eine solche Gemeinde trägt auch alle Konsequenzen. Das dürfte schmerzlich sein. Es droht ihr die Exkommunikation. Sie muss sich aber fragen, ob sie sich dem Papst verpflichtet sieht oder Jesus, der gewiss keinen Pflichtzölibat verordnet hat und zur Priesterweihe von Frauen schon gar nichts verlauten liess. An die Adresse fortschrittlicher Katholikinnen und Katholiken sage ich einmal mehr: Ihr habt genug geredet, euch aufgeregt, um Erlaubnis von Rom gebettelt und demonstriert. Hört auf damit! Handelt! Es gibt genug Beispiele aus dem Leben Jesu, die euch legitimieren und ermutigen. Selbst vor der Beauftragung von Frauen, die Eucharistie zu leiten, sollt ihr nicht zurückschrecken. Der obrigkeitliche Schrei nach Geduld ist bloss der Versuch, euch hinzuhalten. Euer Aufbruch wird eine befreiende Bewegung auslösen.

Normalerweise ruft man die professionelle Feuerwehr, um einen Brand zu löschen. Die katholischen Profi-Feuerwehrleute in Rom dürften auch jetzt wieder nicht wissen, wo die Hydranten sind. Auch Laien können Brände löschen. Ja, sie müssen.

Noch immer hat der katholische Priester Macht. Sein Amt steht weit über allen anderen Diensten. Die Mehrzahl europäischer Kirchgemeinden sehen sich ohne Priester buchstäblich ihres Kopfes beraubt. Fatal wäre es, sollten Priesterinnen ihr Amt ebenso hierarchisch interpretieren wie ihre männlichen Kollegen. Das würde das alte, patriarchale Amtsverständnis noch zusätzlich zementieren. Die Gläubigen würden sich erneut in unmündiger Weise um ihre Hirtin scharen. Das Problem verheirateter Priester und Frauen im Priesteramt ist derart marginal, dass es in einem einzigen Federstrich gelöst werden müsste, um frei zu sein, ein wirklich brennendes Problem der Kirchen zu lösen. Gemeint ist das Selbstbewusstsein von Christinnen und Christen, auch ohne Priesteramt im Sinne Jesu wirken zu können. Was nützt eine Priesterin, wenn ihre Kirche sich leert? Die Frage, welche die Kirchen hierzulande existenziell erschüttern müsste, lautet: Wie können wir Menschen im 21. Jahrhundert überhaupt für das Christentum interessieren?

Die Amazonas-Synode müsste ihre Gläubigen in den verschiedensten Weltregionen ermutigen, als kompetente Subjekte das Anliegen Jesu in ihrem jeweiligen kulturellen Kontext eigenverantwortet zu leben.

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