Kommentar

Julian Assange steht für den Niedergang einer edlen Idee

Hier wird Julian Assange aus der Botschaft gezerrt

Hier wird Julian Assange aus der Londoner Botschaft von Ecuador gezerrt.

Der Wikileaks-Gründer geniesst bei seinen Anhängern den Status eines Freiheitskämpfers. Zu Unrecht. Der Kommentar.

Die Phalanx ist eindrücklich, die sich jetzt hinter dem in London verhafteten Aktivisten Julian Assange versammelt hat. David Duke, Ex-Chef des Ku Klux Klan und bekanntester Neonazi der USA, schlug sich via Twitter auf die Seite des angeblichen Freiheitskämpfers. Auch der britische Oppositionsführer und Labour-Chef Jeremy Corbyn stellte sich hinter Assange, genau wie, natürlich, Russland.

Nicht exakt die Gesellschaft, die man zur Gründungszeit 2006 erwartet hätte. Denn Wikileaks begann durchaus als edles Projekt. Eine Art digitaler Kummerkasten für Whistleblower jeder Art: Wem auch immer ein Fehlverhalten von Behörden und Regierungen bis hin zu Kriegsverbrechen auffiel, konnte das via Wikileaks bekannt machen – unter Gewährung absoluter Sicherheit und Anonymität.

Es war jedoch der Gründer selbst, der die Idee korrumpiert hat. Denn Julian Assange ging es schon bald nicht mehr darum, Fehlverhalten aufzudecken. Vielmehr ist er ein Radikaler, dem jegliches (Staats-)Geheimnis Anlass bot, Verschwörung zu wittern. Vollständige Transparenz als Maxime. Dass auch Demokratien hin und wieder Informationen unter Verschluss halten müssen, ist für Assange nicht akzeptabel. Westliche Demokratien hält er daher auch nicht für legitimer als Wladimir Putins Kleptokratie. Im Gegenteil: Erstere wurden bald als solche zu seinem Ziel. Den Terroranschlag in Paris im Jahr 2015 etwa verband Wikileaks in einem Tweet mit der westlichen Militärintervention in Syrien und im Irak.

Russland hingegen wurde zum Partner. Mit dem Kreml hatte Assanges Organisation während des amerikanischen Präsidentschaftswahlkampfes 2016 zusammengearbeitet, um die Kandidatin Hillary Clinton zu diskreditieren. Russische Regierungs-Hacker knackten Computer der Clinton-Kampagne, Wikileaks verbreitete die gestohlenen Dokumente. So steht es laut der Zusammenfassung des US-Justizministers im Bericht des Sonderermittlers Robert Mueller. Ziel der Übung: Die amerikanische Demokratie ins Wanken zu bringen.

Von der Pressefreiheit gedeckt sind die Taten von Assange übrigens längst nicht mehr. Im aktuellen Fall soll Assange geholfen haben, in einen gesicherten Regierungscomputer einzubrechen. Das ist kein Fall für den Presserat, sondern für die Justiz.

Klar ist: Ob Assange an die USA ausgeliefert wird, ob er verurteilt wird, entscheiden Gerichte. So läuft das im Rechtsstaat. Klar ist aber auch: Den Status des Freiheitskämpfers, den ihm seine Anhänger andichten, verdient er nicht.

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