Max liest

Koinzidenz des Ohrensausens

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Habe in letzter Zeit kaum gelesen. Von Wolfram Eilenbergers Buch «Zeit der Zauberer: Das grosse Jahrzehnt der Philosophie 1919–1929» habe ich in vier Wochen 99 Seiten geschafft. Das liegt keineswegs am Buch. Im Gegenteil, das Epos über die Geistesheroen Heidegger, Wittgenstein, Benjamin und Cassirer ist eingängig flott geschrieben.

Gerade richtig für Leute wie mich, die sich für Philosophie interessieren, aber nicht unbedingt in der Lage sind, Werke wie «Sein und Zeit» oder den «Tractatus Logico-Philosophicus» zu lesen. Nein, es liegt an meinen Ohren. In ihnen rauscht es seit ein paar Wochen (ich scheue mich, es als Tinnitus zu bezeichnen). Das hat mich ziemlich aus meinen Mustern fallen lassen.

Die Konzentration zum Lesen habe ich auf alle Fälle nicht mehr aufgebracht. Ich habe deshalb Musik gehört: Mozart, indische Ragas, tibetanische Ritualmusik, Meditationsmusik und zum Einschlafen die Chants und Mantras des Yogiraj Satgurunath. Unglücklicherweise haben Letztere meine Nachbarin im oberen Stock nicht schlafen lassen.

Das Ohrensausen ist nun wirklich Ironie des Schicksals: Mir, dem es sein Liebstes war, Stille aufzusuchen (notfalls mit Ohropax), um mich in Bücherwelten zu versenken, schrillt nun ununterbrochen ein Wecker in den Ohren. Es stellt sich die Frage, zu was ich da aufgeweckt werden soll.

Und Sie, die Leserschaft frägt sich, was das mit einer Bücherkolumne zu tun hat. Sehr viel, denn am Ausgangspunkt dieser Angelegenheit stehen ein Buch und eine sehr eigenartige Koinzidenz. Bei dem Buch handelt es sich um «Bot – Gespräch ohne Autor» des Österreichers Clemens J. Setz.

Darin lese ich eines schönen Sonntagnachmittags nichts ahnend: «Aber egal, wie er entstanden ist und wo genau er sich eingenistet hat, mein Tinnitus ist hier und wird nicht mehr weggehen. Er stört mich aber auch nicht mehr, ich nehme ihn so wahr wie all die anderen Eigengeräusche des menschlichen Körpers. Diesen Punkt zu erreichen, dauerte natürlich sehr lange, in den ersten Jahren war ich einige Male dem Selbstmord nahe.»

Gleichentags gegen Abend nehme ich erstmals das Rauschen in meinen Ohren wahr. Das nennt man eine Koinzidenz, das zeitliche Zusammenfallen zweier Ereignisse, in diesem Fall des Lesens über Tinnitus mit dem Beginn eigenerlebten Ohrensausens. Wieso aber saust es mir in den Ohren? Ich habe nur ab und an AC/DC gehört und nie in der Nähe einer Hardrock-Lautsprecherbox gestanden.

By the way: Der Autor Setz entlastet sich von seiner Kalamität mit White Noise respektive Pink Noise, ein Rauschen, ähnlich dem eines Wasserfalls. Es unterscheide sich vom weissen dadurch, dass man in ihm alle Frequenzen etwa gleich laut wahrnehme, obwohl sie nicht gleich laut vorhanden seien.

Nach etwa einer halben Stunde Pink Noise in moderater Lautstärke über einen guten In-Ear-Kopfhörer wirke es wie Salbe, und man nehme es nicht mehr wahr. Dann fühle man sich wie auf einer Insel, umgeben von akustischer Leere. Ideal, um das Lesen von Büchern wieder aufzunehmen.

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