Erfindungen brauchen eine Portion Verrücktheit, ebenso wie ihre Urheberinnen und Urheber. Seit Jahrzehnten wird das Bild des Erfinders in den Kinderstuben der Welt von einem anthropomorphen verrückten Huhn geprägt.

Daniel Düsentrieb (Originalname: Gyro Gearloose; wörtlich etwa «Kreisel Schraubelocker»), Comicfigur von Walt Disney, geboren 1952 und seitdem erster Innovationsbotschafter für die nachwachsenden Generationen. Düsentrieb repräsentiert Produktivität im Chaos als individuelle Leistung nach dem Motto: «Dem Ingeniör ist nichts zu schwör».

Es stimmt natürlich schon: In der Menschheitsgeschichte sind Erfindungen oft entstanden aus der zufälligen Begegnung mit dem Unbekannten, nach dem man nicht gesucht hat. In der englischen Sprache beschreibt das der schöne Begriff «Serendipity». Was dazu notwendig ist, steckt im Begriff Zufall: Man muss vorbereitet sein, damit einem eine Erkenntnis, eine Neuerung, eine Innovation zufallen kann.

Natürlich gehört die Forschung zu diesem Prozess der Vorbereitung. Es gehört dazu, dass Unternehmen und Regierungen in Forschung und Entwicklung investieren. Eine exzellente Bildungs- und Hochschullandschaft gehört ebenfalls dazu. Aber reicht das auch in Zukunft?

Die bahnbrechenden Erfindungen sind alle schon gemacht

Eine Gruppe von Management- und Innovationsforschern vom MIT, aus Harvard und von der Boston University sagt: nein. Sie stellen fest: Der Aufwand für Forschung steigt immer weiter an, aber der Output bleibt gleich oder geht gar zurück. Unsere weltweite Forschungsproduktivität ist rückläufig.

Das liegt nicht daran, dass die Menschen doofer oder fauler geworden wären. Vielmehr sind alle grossen Dinge entdeckt. Das Licht leuchtet seit 1879, wir laden unsere Smartphones mit demselben Strom wie vor 100 Jahren, und auch an den landläufigen Batterien hat sich zum grossen Teil nicht viel geändert.

Um die gegenwärtige Erfindungsquote aufrechtzuerhalten, müssen wir über das kommende Jahrzehnt unsere Investitionen in Forschung und Entwicklung verdoppeln. Anders gesagt: Es wird immer schwerer und immer teurer, neue Ideen zu finden. In den Material Sciences oder in der Pharmazie testen die Forscherinnen und Forscher über Jahre, manchmal Jahrzehnte zahllose Varianten von Molekülstrukturen, manchmal ohne dass je etwas dabei herauskommt. Das ist teuer, mühsam und frustrierend.

Der Mensch braucht fürs Testen 15 Jahre, die KI macht das in 2

Aber es gibt eine Lösung für das Problem. Künstliche Intelligenz (KI) und Deep Learning könnten das Erfinden revolutionieren. Denn wo der Mensch zum Testen einer Hypothese 15 Jahre braucht, da erledigt KI das in zwei Jahren. Sie rechnet eben anders und vor allem fixer, als wir Menschen denken. Wenn wir mit künstlicher Intelligenz das Erfinden neu erfinden, kann es viel schneller gehen.

Neuronale Netzwerke, die ansonsten Millionen von Gesichtern durchforsten, um Hunde von Katzen zu unterscheiden, können ebenso Millionen von Molekülstrukturen durchsuchen, um das eine Molekül zu finden, das für eine grosse Erfindung den Unterschied macht. Vielleicht ist das Material für ein fliegendes Auto also längst da, wir müssen es nur noch mithilfe von KI finden.

Ganz sicher müssen wir dann unser inneres Bild des Erfinders und der Erfinderin verändern. Es sind eben nicht mehr die genialen Einzelgänger, die aus dem Chaos etwas grosses Neues schaffen. An ihre Stelle tritt die systematische Mustererkennung der künstlichen Intelligenz.

Ob Daniel Düsentrieb darüber beleidigt wäre? Er hat die Antwort selbst gegeben: «Zwischen Wahnsinn und Verstand ist oft nur eine dünne Wand.» Wenn die KI den Verstand revolutioniert, bleibt den Menschen der Wahnsinn. Etwas mehr davon kann dem Erfindergeist der Menschheit nur guttun.