Analyse

«Late Update» auf SRF abgesetzt: Satire mit Maulkorb

Julia Stephan: «Man darf Elsener nicht die alleinige Schuld an seinem Humor-Grounding geben. Satire war in der Schweiz schon immer ein schwieriges Terrain.»

Julia Stephan: «Man darf Elsener nicht die alleinige Schuld an seinem Humor-Grounding geben. Satire war in der Schweiz schon immer ein schwieriges Terrain.»

Eine Analyse von Kulturredaktorin Julia Stephan zur Absetzung von Michael Elseners SRF-Sendung «Late Update».

Auch sein letzter Scherz wirkte kopiert: Als letzte Woche bekannt wurde, dass das Schweizer Fernsehen Michael Elseners stark an bekannte deutsche und amerikanische Nachrichtensatireformate angelehnte Show «Late Update» absetzen wolle, verbreitete der Satiriker auf Twitter ein Bild. Es zeigt ihn vor dem Leutschenbach posierend, mit einem Kartonschild mit der Aufschrift «Gratis zum Mitnehmen» in der Hand. Elsener erinnerte damit – freiwillig oder unfreiwillig – an seinen Berufskollegen Philipp Galizia, der mit genau so einer Papptafel sein gleichlautendes Programm beworben hatte.

Dass das SRF am Sonntagabend humortechnisch künftig lieber auf Dominic Deville setzen will, ist nachvollziehbar. Zu wenig eigenständig, zu wenig authentisch und viel zu sympathisch wirkte der blonde Lockenkopf Elsener, um sich glaubwürdig als Satiriker profilieren zu können. Man fragte sich zuweilen, ob der begnadete Stimmenimitator als Nebenfigur seiner Sendung nicht mehr geglänzt hätte. Die Quote von Elseners Show lag zuletzt bei 15 Prozent. Charakterkopf Dominic Deville hingegen kommt bei Umfragen besser weg und hat eine treue Fangemeinde hinter sich geschart.

Man darf Elsener nicht die alleinige Schuld an seinem Humor-Grounding geben. Satire war in der Schweiz schon immer ein schwieriges Terrain. Selbst Hazel Brugger, eine der besten Satirikerinnen, die die Schweiz neben Patti Basler vorzuweisen hat, feiert ihre Erfolge vor allem in Deutschland. Die Schweizer sind nun mal kein Volk der Spötter. Für die österreichische Satirikerin Lisa Eckhart wäre das Schweizer Konkordanzprinzip, das auch im Comedybereich viel zu oft den Spass bremst, höchstens eine Lachnummer.

«Ich kann nicht auf jeden Rücksicht nehmen», sagte sie diese Woche im randvollen Nationaltheater in Bern. Vulgär und häretisch ist die Kunstfigur Eckhart, arrogant bis in die manikürten Fingerspitzen – das blanke Gegenteil des volksnahen, freundlichen Bühnenkünstlers, der in der Schweiz so beliebt ist und dessen Ziel es ist, nicht böse, sondern vor allem sympathisch rüberzukommen.

Dass sich etwa ein Joël von Mutzenbecher neuerdings einen «Feel Good Comedian» nennt, sagt viel über hiesige Publikumserwartungen aus. Man will nicht mehr aus der Reserve gelockt werden, sondern die schöne Welt, die man sich gezimmert hat, bestätigt sehen. Selbst bei der an Profil gewonnenen Late-Night-Show «Deville» ulkt man lieber über die Weihnachtswerbespots der Grossverteiler und bremst auf der halben Strecke zur Pointe ab – denn man weiss ein Publikum im Nacken, das seine Beschwerde beim Ombudsmann in Windeseile deponiert hat.

Ebenso wenig Humor zeigen übrigens die Parteien. Die FDP fühlte sich dieses Jahr von Elsener gleich mehrfach ins falsche Licht gerückt – in Deutschland hätte sich an dem Clip über eine FDP-Familie, die ihre Kinder eigenverantwortlich ihre Joints rauchen lässt, niemand gestört. Wozu auch? Korrektheit war noch nie die Aufgabe von Satire.

In der Schweiz hingegen schon. Hier wünscht man sich Satire light. Mit einem Kabarettisten, der ab und zu mal seine Krallen ausfährt, aber bitte im Käfig und mit Maulkorb. Vor allem bei der Religion hört der Spass auf. Ein trauriges Kapitel geschrieben hat vor Jahren der gefallene Satiriker Andreas Thiel, einer der besten seines Fachs. Wegen seiner in der «Weltwoche» veröffentlichten Streitschrift über den Koran warf man ihm rechte Stimmungsmache vor. Dabei war Thiel vor allem ein Anarchist, der unsere Scheinmoral entlarvt. Nach dem fünften Bühnenprogramm gab er auf, zu gross war der Widerstand gegen ihn geworden.

Kurt Tucholskys berühmter Ausspruch, nach dem Satire alles dürfe, gilt heute bedauerlicherweise nur noch eingeschränkt. Bühnenkünstler verraten einem, dass sie sich manche Witze, die sie lustig finden, in der Öffentlichkeit nicht mehr zu bringen trauen. In einer Öffentlichkeit, die sich so fest in ihre Meinungen verbissen hat, dass sie andere kaum mehr zulässt. Eine beunruhigende Entwicklung, für die es mutige Künstler braucht, die sich nicht darum scheren, wie sie beim Publikum ankommen – und auch mal zubeissen.

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