Kolumne

Liebe Leserin, lieber Leser

..

Warum ein Newsletter nicht gleich Journalismus ist.

Der Titel dieser Kolumne ist irreführend, aber deshalb nicht weniger absichtlich gesetzt. Mit dieser Anrede, zuweilen in personalisierter Form, wird dem lieben Leser, der lieben Leserin meist per Mail avisiert, was er oder sie in der aktuellen Ausgabe des von ihnen möglicherweise abonnierten Mediums lesen kann. Vielleicht auch, was sie heute an Aktualität erwartet. Was in anderen Medien an Lesenswertem vorzufinden wäre oder was andere Leser empfehlen.

Entstanden aus den einstigen Editorials haben sich die Newsletter verselbstständigt. Längst geht es nicht mehr um den lieben Leser, sondern um den Erstkontakt, den sich die Medien dadurch sichern. Da jede halbwegs recherchierte Geschichte bereits Minuten nach ihrem Erscheinen auf anderen Plattformen abgeschrieben steht, sind sie bedeutsam, um sich die Wertschöpfung für die Eigenleistung zu sichern oder parasitär von den Leistungen anderer zu profitieren.

Das Mittel hat wenig mit Journalismus, aber viel mit Marketing zu tun. Solange es dazu dient, den Journalismus zu fördern, ist dagegen nichts einzuwenden. Mittlerweile ist es jedoch zum Selbstzweck geworden: Der Newsletter steht an Stelle von Journalismus. Wer dies als zu steile These anzweifelt, sei an das neue Basler Medium «Bajour» verwiesen. Dessen einzige redaktionelle Leistung besteht darin, einen täglichen Newsletter zu verschicken, der dem lieben Leser erklärt, was er in anderen Medien lesen könnte und was ihn der Tag so erwarten wird.

Vielleicht ist die liebe Leserin, der liebe Leser aber gar nicht an Newslettern interessiert, sondern einfach nur an Journalismus.

Verwandtes Thema:

Autor

Christian Mensch

Meistgesehen

Artboard 1