Pro und Kontra

Lieber Herr Wermuth, wir sind (noch) nicht per Du

Unser Pro- und Kontra-Stimmen.

Unser Pro- und Kontra-Stimmen.

Politiker duzen uns gerne. Ist das Ausdruck eines Diskurses auf Augenhöhe oder eine Vereinnahmung?

Pro: Siezen hat rein gar nichts mit Höflichkeit zu tun

«Hochwohlgeborene Gräfin zu Stephansburg...» Als Schülerinnen machten eine Freundin und ich uns gerne über den hohen Ton vergangener Tage lustig. Wir schrieben uns Briefe, in denen Adelstitel und sperrige Höflichkeitsbekundungen den Schreibfluss stauten, und lachten uns kaputt dabei. Was hat die Menschheit nicht alles erfunden, um Machtgefälle sprachlich zu manifestieren? Vom «Ihr» zum «Er» zum «Sie» lag fast jede Anrede schon mal im Trend.

Sollten jetzt Politiker, Behörden und CS-Banker flächendeckend vom Duzitis-Virus erfasst werden, wie manche Partei-Newsletter vermuten lassen, sollten mich Politikerinnen auf Wahlplakaten künftig mit «I-want-you-for-army»-Sprüchen duzend in ihre Visionen einweihen, finde ich das weder unhöflich noch anbiedernd, sondern sehe darin den Versuch, unsere gesellschaftliche Realität zu spiegeln. Wir sind schliesslich keine Feudalgesellschaft mehr. Ausserdem ist bis heute jede noch so höflich gemeinte respektvolle Anrede aus vergangenen Tagen irgendwann in die Bedeutungslosigkeit abgerutscht. Wetten, dass das «Sie» sich schon bald als neue Lachnummer rausstellt?

Ausserdem, wo bleibt da die Fairness? Am Stammtisch ist Bundesrat Ueli Maurer längst der «Ueli», alt Bundesrat Adolf Ogi war der «Dölf», und den ehemaligen FDP-Präsidenten Franz Steinegger nannten alle Katastrophen-Franz. Da darf man doch auch mal zurückduzen!

Ja, Duzen kann distanzlos wirken. Duzen schenkt uns aber auch die schnörkellose, von Höflichkeitsfloskeln befreite Sprache, mit der man sich gegen Distanzlosigkeit zur Wehr setzen kann. Und wer mir nicht glaubt, dass Siezen rein gar nichts mit Höflichkeit zu tun hat, der braucht sich nur ans eigene Kindergärtler-Dasein zurückzuerinnern. Wie hiess es da doch gleich? «He, Sie, Frau Müller, kommen Sie mal!».

Contra: Höfliche Distanz ist eine politische Zierde

«Lieber Pascal», so begann der Newsletter, den die Grünen vor gut einem Jahr in die E-Mail-Inbox spedierten. Lieber Pascal? Ich konnte mich nicht erinnern, mich mit dieser Partei auf eine freundschaftliche Anrede geeinigt zu haben. Kann man das überhaupt, einer Partei das Du antragen? Und wenn ja: Müsste das nicht, wie es die Höflichkeit gebietet, der Ältere dem Jüngeren gegenüber tun? Diese Frage war schwer zu lösen. Die erste grüne Sektion erblickte das Licht der Welt 1971, praktisch zeitgleich mit dem Empfänger der E-Mail. Die Grünen sind mit ihrer Duzerei nicht alleine. Auch Grünliberale und Sozialdemokraten mögen es in der Ansprache freundschaftlich vertraut. Cédric Wermuth beispielsweise ist auf seinem Internet-Auftritt schlicht «Cédric». Das alles hat etwas Anbiederndes, Vereinnahmendes. Das Du soll signalisieren: Hey, wir kommunizieren auf Augenhöhe! Und irgendwie gehörst Du zu uns. Wer das Gute der Welt auf seiner Seite zu haben glaubt, neigt wohl eher zu solch verbaler Kumpanei. Man hat den Eindruck, Linke duzten generell schneller und penetranter als Konservative oder Liberale. Wer mich ungefragt duzt, nimmt mir die Möglichkeit, sprachlich die Distanz zu wahren. Vielleicht will ich ja gar kein Freund der Grünen oder von «Cédric» sein. Vielleicht möchte ich ja einfach, dass sie Politik betreiben, ohne sich mit mir zu verbrüdern. Vielleicht mag ich ihre Politik auch nicht. Und selbst wenn ich das täte: Freunde müssen wir ja deswegen nicht sein. Das ungefragte Du ist ein Mittel der Machtaneignung und ein sprachlicher Übergriff. Der Duzende nimmt sich ungefragt das Recht heraus, zu bestimmen, wer zu seinem Freundeskreis gehört. Ist das schlimm? Wir werden es überleben. Daran gewöhnen werden wir uns indes nie. Höfliche Distanz ist und bleibt eine politische Zierde.

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