Im Verdrängen bin ich ziemlich erfolgreich, doch seit ich durch eine Ausstellung über Abfall ging, taucht die dreckige Wahrheit immer wieder auf: Zwei Kilo Müll produziere ich, täglich. Klar, Sie auch. Zwei Kilo, jedes Kind, jeder Alte, jede Schülerin. In der blitzsauberen Schweiz schaffen wir 45 Tonnen Abfall, pro Minute.

Das weckt ein so mieses Gefühl, dass ich mich an jede entlastende Hoffnung hänge. Ich lese interessiert von der Wachsmotte «Galleria mellonella», die ihre Eier in Bienenstöcke legt. Die geschlüpften Würmer ernähren sich von Wachs. Das weiss man natürlich schon lange, doch richtig interessant wird das, seit die Biologin Federica Bertocchini einen Bienenstock von Wachsmotten säuberte, diese in eine Plastiktüte verstaute – und kurze Zeit später entdeckte: Diese Tierchen knabberten sofort Löcher in die Tüte und hauten ab.

Aha. Motten fressen also nicht nur Wachs, sie fressen auch Kunststoff, was kein Wunder ist, denn Wachs ist im Prinzip eine natürliche Art von Plastik, chemisch ganz ähnlich dem Polyethylen.

Es geht nicht wirklich ums Beseitigen der Vermüllung

Grossartige Entdeckung. Kunststoff haben wir zufällig im Überfluss, und zwar in Form von Müll. Wir könnten nun diese phänomenalen Wachsmotten züchten und millionenfach auf Deponien loslassen. Oder wir könnten jene Enzyme, die im Bauch der Wachsmottenraupe den Kunststoff zersetzen, chemisch isolieren, als plastikfressendes Pulver en gros produzieren und über die Plastikberge streuen, hier wie im Südpazifik, wo ganze Inseln schwimmen, die nichts als Müllhalden sind, fünf Billionen Plastikteile. Wir wären eine grosse Sorge los. Ohne dass wir uns am eigenen Schopf aus dem Schlamassel ziehen müssen.

Darum sprechen wir von «Entsorgung». Es geht nicht wirklich ums Beseitigen der Vermüllung, da müssten wir ja unsere Routine ändern. Es geht ums Vertreiben unserer Sorgen. Diese Psychohygiene hatte schon immer den frommen Gedanken auf Lager: Bevor es total prekär wird, springt die Natur (oder Gott?) rettend ein, sie wird uns durch eine überraschende Entdeckung vom Grossproblem befreien.

Man könnte sich einen Käfer vorstellen, der sich nicht nur durch Plastikberge frisst, sondern dabei ein Gemisch aussondert, das CO2 in der Luft bindet. Es geht schon etwas seriöser: Kürzlich wurde in Hinwil der famose «Karbonschürfer» vorgestellt, der erste Apparat zur Entkarbonisierung der Atmosphäre, er saugt CO2 aus der Luft ab. Höchste Zeit.

Tadellos organisierte Entsorgung therapiert unsere Sorgen

Auch beim Abfallproblem ist allerlei Technik unterwegs. Am wirkungsvollsten therapiert unsere Sorgen nach wie vor die tadellos organisierte Entsorgung. Sie macht unsichtbar, was wir anrichten. Wo sind meine zwei Kilo Tagesration? Wo liegen unsere 45 Tonnen pro Minute? Die Hälfte wird recycelt (Spitzenleistung), die andere Hälfte (dito Weltspitzenleistung) wird verbrannt, weggekarrt. Aus den Augen, aus dem Sinn.

Kein Wunder, machen wir ungerührt weiter. So ticken Menschen, wenn sie sehen, dass ohne Folgen bleibt, was sie tun. Politiker fordern regelmässig Litteringgebühr, Pflichtpfand, Recyclingquote etc. Ändert wenig. Fördert eher die Illusion der Folgenlosigkeit des Vermüllens. Der Dreck verschwindet ja stets, warum soll ich ihn vermeiden?

Die Gesellschaft wirkt selbstreinigend. Toll. Eine Art wohl organisierte Verantwortungslosigkeit. Wir verhalten uns wie Kinder, die ihre Klamotten umso fleissiger verdrecken, je schärfer die Mama darauf ist, sie durch den Weichspüler zu jagen.

So. Dann traf ich ein paar junge Leute, die sagen: Wir haben genug von dem Blödsinn, wir tun was, wir beginnen mit ZERO WASTE. Sie eröffnen überall Läden, da gibt es alles Mögliche, doch null Verpackung. Verpackungsmüll macht 300 Kilo pro Kopf und Jahr, da lohnt es sich abzutragen.

Nun bin ich überhaupt nicht der Typ, der an Kaffeebuden mit seiner Brockenhaus-Tasse ansteht. Doch ich muss sagen: Was diese jungen Leute anpacken, ist goldrichtig. Manche nörgeln: zu kompliziert, zu aufwendig, zu unhygienisch.

Doch selbst wenn: Es ist eine stolze Sache. Die Zero-Waste-Pioniere wollen mündige Subjekte sein, nicht willfährige Passivmitglieder der Verramschungskette. Es geht um Verantwortung, um Würde. Und wenn jetzt das Hammerargument fällt (Was bringt es, wenn ein paar Einzelne ihr Konsumleben ändern?), kann ich nur lachen: Es geht um meine Freiheit, ich will meine zwei Müll-Kilo loswerden.