Kommentar zu Castro-Besuch

Menschenrecht und Anbiederung

Mit allen Ehren empfangen: Frankreichs Präsident François Hollande und der kubanische Präsident Raúl Castro.Francois Mori/ap/keystone

Mit allen Ehren empfangen: Frankreichs Präsident François Hollande und der kubanische Präsident Raúl Castro.Francois Mori/ap/keystone

Erstmals seit seinem Amtsantritt 2006 besucht der kubanische Präsident Raúl Castro Europa. In Paris wurde kein Aufwand gescheut um den 84-Jährigen gebührend zu empfangen.

Frankreich ist sich selbst nur im ersten Rang», stellte Charles de Gaulle einmal fest. Der grösste aller französischen Präsidenten hatte recht: Frankreich, die Nation der Menschenrechte, kämpft an vorderster Front gegen die Brutalität des Assad-Regimes; humanitäre Organisationen wie «Médecins Sans Frontières» («Ärzte ohne Grenzen») geniessen weltweit einen ausgezeichneten Ruf, und der sozialistische Präsident François Hollande hielt an der letzten UNO-Vollversammlung ein überzeugendes Plädoyer für die «Entrechteten» dieser Welt.

Doch auch wenn es um Geld und Einfluss geht, ist Frankreich Nummer eins. Um seine Rafale-Kampfjets an den Golf zu verkaufen, zögert Hollande nicht, eine «strategische Partnerschaft» mit dem sektiererischen Königreich Saudi-Arabiens einzugehen. Vor einer Woche begrüsste er in Paris den Iraner Hassan Rohani, den Präsidenten eines Landes, das noch vor kurzem unter UNO-Sanktionen gestanden hatte. Und jetzt hat Hollande den kubanischen Staatschef Raúl Castro im Élysée-Palast empfangen, um für das Ende des US-Embargos bereit zu sein und die ersten Wirtschaftsaufträge einzuheimsen. Der kubanische Regimegegner Jacobo Machover erklärte derweil in Paris, wo er aufgrund der französischen Asyltradition 1963 Aufnahme gefunden hatte: «Diese diplomatische Unterstützung stärkt und legitimiert die Diktatur der Castros nur.»

Es ist zweifellos richtig, Ländern wie Kuba und Iran aus der Isolation zu helfen und mit ihnen Handel zu treiben; denn die Hauptleidtragenden solcher Wirtschaftsstrafmassnahmen sind die Einwohner. Das heisst aber nicht, dass man ihren Autokraten gleich den roten Teppich ausrollen muss. Die deutsche Regierung hat bewusst davon abgesehen, Rohani oder Castro nach Berlin einzuladen.

Es wäre zu wünschen, dass sich Länder wie Frankreich oder Italien – das sich ebenfalls bei diesen beiden Regimes anbiedert – der gleichen Zurückhaltung befleissigen würden. Und sei es nur zwecks Übereinstimmung mit den eigenen Menschenrechtsansprüchen.

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