«Jung & Alt»-Kolumne

Ohne Eva sässe Adam noch immer im bescheuerten Paradies

Adam und Eva mit dem verhängnisvollen Apfel.

Adam und Eva mit dem verhängnisvollen Apfel.

In der «Jung & Alt»-Kolumne schreibt unser Autor Ludwig Hasler, 76, alternierend mit Samantha Zaugg, Journalistin, 26. Diese Woche fragt sich Hasler, weshalb Generationendialog oft zur Genderdebatte wird.

Liebe Samantha

Unser Wortwechsel rutschte Ende Jahr von Jung & Alt zu Frau & Mann. Begann mit backen. Landete bei Verwaltungsräten. Der Generationendialog als Genderdebatte? Siehst du das so? Weil der Typ Mann retro aussieht, Typ Frau eher nach Futur? Seh ich manchmal selber so, der Spur nach. Ergo gehören mehr Frauen nicht nur ans Ruder, sondern ans Steuer, logisch.

Nur dass da immer schon Männer sitzen, auch solche, die auf mirakulöse Weise Karriere machten, jedenfalls kaum dank Meriten – und sich umso hartnäckiger an ihre Privilegien krallen. Das nervt nicht nur dich, es ist jedoch menschlich, den Besitzstand wahren zu wollen, was heisst: Es dauert seine Zeit.

Was ich weniger verstehe: die Fixierung auf Verwaltungsräte. Glaubst du, dort sei die Schaltzentrale der Gesellschaft daheim? Nur als Reminder: Eine junge Frau namens Greta hat mit 18 mehr bewegt als jeder aktuelle VR-Präsident der Schweiz. Aufbruch beginnt im Kopf. Macht hat, wer die Köpfe bewegt, mit Vorstellungen, Gedanken, Bildern. Und da sind Frauen tüchtig vorn, in Kunst, Literatur, Film, sogar in Medien.

Auch in meiner Branche, der Philosophie. Du fragst, ob ich mir meiner Privilegien als Mann bewusst sei. Gegenfrage: Meinst du, ich hätte eine Chance gegen eine junge Philosophin, sagen wir, Barbara Bleisch? Da dreht sich etwas. Mir soll es recht sein.

War ich doch schon Eva stets dankbar, dass sie in den Apfel biss und den Auszug aus dem bescheuerten Paradies provozierte. Mit Adam, fürchte ich, sässen wir noch heute drin. Aufbruchslust ist eher weiblich, Charles Darwin sah in ihr die Triebkraft der Evolution: Tierischer Sex ist meist Damenwahl, dabei setze sich die «Sehnsucht nach Variation» durch, nämlich das weibliche Verlangen nach Ästhetik, nach Verwandlung naturhafter Plumpheit durch Schönheit.

Das Weibchen sucht Variation (Fantasie, Farbe, Eleganz, Wandel), das Männchen macht, was es kann; selber hat es nicht viel anderes im Kopf als Sex. Dazu kommt es aber nur, wenn es sich und das Nest so luxusartig schön herrichtet, dass ein Weibchen davon begeistert ist. Siehe Pfau. Siehe Zaunkönig, der baut gleich drei Nester, eines feudaler als das andere, das Weibchen wählt – wenn überhaupt . . .

Was das nun bedeuten soll? Es fiel mir halt ein, wir schreiben ja Briefe, keine Leitartikel. Mit Fallen da und dort. Tappte ich grad in die Biologiefalle? Die Frau ist fürs Schöne da, der Mann für die Tatsachen? Gar nicht mein Ding. Eher interessiert mich: Sind Menschenmänner so viel bockiger gegen weibliche «Sehnsucht nach Variation»? Oder leben wir generell sehnsuchtsfreier, stets datenbasiert, also pragmatisch? Beisst auch Eva vorsichtshalber nicht mehr in den Apfel? Dann wäre es am Ende gar egal, wer im VR sitzt.

Ludwig

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