So sehr Präsident Donald Trump den Chinesen die Schuld für Nordkoreas Atomwaffenprogramm gibt – Peking hat auf das brutale Regime in Pjöngjang auch keinen Einfluss mehr. Stattdessen sollte Trump das Gespräch mit dem Jungdiktator suchen.

Einfach ist das Verhältnis zwischen Peking und Pjöngjang seit geraumer Zeit nicht mehr. Spätestens seit Kim Jong-un 2012 die Macht über Nordkorea übernahm und begann, unterirdisch mit Atombomben zu zündeln und oberirdisch ballistische Raketen ins All zu schiessen, ist auch die chinesische Führung verstimmt. Trotzdem versuchte die chinesische Führung weiter zu beschwichtigen. Doch was sich in den vergangenen Wochen in den Beziehungen zwischen Peking und Pjöngjang abgespielt hat, ist mehr als die üblichen Unmutsbekundungen, die beide Seiten hinter blumigen Floskeln stets zu verstecken wussten. Nordkoreas Hasstiraden, die sich immer gegen die Erzfeinde Südkorea, Japan und den imperialistischen Oberklassenfeind USA wandten, richten sich nun auch gegen China.

Pekings Vorgehen sei gleichbedeutend mit dem eines feindlichen Staates, «der nach der Pfeife der USA tanzt», wetterte Nordkoreas amtliche Nachrichtenagentur KCNA. China hat vor zwei Wochen – den UN-Sanktionen folgend – die Einfuhr nordkoreanischer Kohle gestoppt. In dem Artikel wurde China zwar nicht namentlich erwähnt, sondern als ein benachbartes Land, das sich oft als ein freundlicher Nachbar bezeichnet. Doch es ist offensichtlich: Pjöngjang setzt nun auch gegen China klar auf Konfrontation.

Doch Pjöngjang setzt nicht nur verbal auf Konfrontation. Immer mehr erhärtet sich der Eindruck, der brutale Mord im Februar an Kim Jong Nam, dem Halbbruder des Diktators, könnte sich explizit gegen Peking gerichtet haben. Der Diktator ist schon seit einiger Zeit von der Angst getrieben, China könnte mit dem älteren Halbbruder eine «Marionetten-Regierung» installieren. Inwiefern Peking wirklich an solchen Plänen arbeitete, ist nicht erwiesen. Fakt ist: Der Halbbruder war bis zum Schluss ein gern gesehener Gast in Peking und durfte sich mit Wohnsitz in Macau auf chinesischem Territorium aufhalten. Sicherlich buhlt der junge Diktator derzeit auch um die Aufmerksamkeit des neuen US-Präsidenten Donald Trump. Ziel des nordkoreanischen Herrschers ist es, die USA an den Verhandlungstisch zu bringen. Nur so kommt der Arbeiterstaat mittelfristig aus der wirtschaftlichen Misere heraus. Im Wahlkampf hatte Trump diese Hoffnung mehrfach genährt. Davon ist er aber schon wieder abgewichen. Nun versucht Kim, mit Raketenabschüssen auf sich aufmerksam zu machen. Das gelingt ihm auch.

Mit dem Giftanschlag auf seinen Halbbruder Kim Jong Nam ist er noch einmal einen makabren Schritt weitergegangen. Wenn es ihm darum gegangen wäre, seinen Halbbruder umzubringen, hätten ihn Auftragskiller in eine dunkle Gasse locken und erschiessen können. Stattdessen entschied sich der Diktator offenbar, einen der weltweit gefährlichsten Giftstoffe einzusetzen – spektakulär inszeniert wie ein Politthriller, am Flughafen der malaysischen Hauptstadt Kuala Lumpur. Es ist offensichtlich: Nicht nur der Brudermord an sich, auch die Art und Weise, wie er ausgeführt wurde, ist eine Botschaft. Nordkorea hat keine Hemmungen, weltweit geächtete Chemiewaffen einzusetzen. Die Botschaft richtet sich auch speziell an Peking, sich ja nicht an einem Regimewechsel in Pjöngjang zu beteiligen.

Der Konflikt um Nordkoreas Atomwaffenprogramm ist nicht erst seit dem Amtsantritt von US-Präsident Trump komplizierter geworden. Schon unter Obama war der Konflikt in eine Sackgasse geraten. Wenn Trump nun meint, er müsse bloss den Druck auf die chinesische Führung verstärken, damit sie wiederum das brutale Kim-Regime bändigt, dann irrt er. Peking hat diesen Einfluss auf Pjöngjang nicht mehr.

Stellt sich also die Frage: Wenn nun auch Peking als Vermittler ausfällt – wer könnte dann noch auf das isolierte Regime einwirken? So naiv es klingt: wahrscheinlich nur noch Trump. Er sollte tatsächlich, wie im Wahlkampf angekündigt, das Gespräch mit dem Jungdiktator suchen. Genau darauf hofft Kim. So bitter das aufstösst, weil es als ein Zugeständnis an den brutalen Diktator verstanden werden könnte: Bei einem Gegner, der bereit ist, Atomwaffen einzusetzen, dürfen solche Befindlichkeiten ausnahmsweise auch mal beiseitegeschoben werden.

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