Gastkolumne

Rowdys auf der Strasse: «Wir haben die falschen Autos für heutige Verhältnisse»

Höchstgeschwindigkeit 245 – wozu?

Höchstgeschwindigkeit 245 – wozu?

Gastkolumne zur Lärm-Debatte: Was uns im Auto aggressiv macht – und wie uns die Schwalben helfen könnten.

Typisch Mensch: Hat er mit Ach und Krach ein Problem im Griff, stolpert er gleich ins nächste. Mit Corona ist vermutlich das Gröbste ausgestanden, wir leben wieder draussen – und werden auch da genervt: Kaum ist der Himmel blau, kracht und heult und knattert und dröhnt es, dass wir uns am liebsten wieder ins Haus verziehen.

Autoposer! Bemitleidenswerte junge Männer, die nur im und mit dem Auto protzen können, tyrannisieren Quartiere mit ihren PS-überdrehten Boliden. Wer tut was? Die Polizei? Greift da und dort ein, so gut sie halt kann. Die Auto-Branche? Kann nichts dafür, bedient nur Kundenwünsche, haha. Die Politik? Schläft, lässt für Hunderte von Millionen (Steuergeld) Lärmschutz bauen, ästhetisch meist grauenhaft – und ist unwillig, den akustischen Terror abzustellen, obwohl leisere Motoren technisch ein Kinderspiel wären. Von Verursacherprinzip nicht die Spur.

Auch ganz normale Minis und Porsches und VWs heulen auf, wenn wir mal Gas geben. Und warum sollten wir nicht? Schliesslich kauften wir ein Rennauto – bloss ohne Rennstrecke. In 6 Sekunden von 0 auf 100? Super, doch wo und wann? Höchstgeschwindigkeit 245? Toll, doch wozu? Rennreifen – bloss für mehr Reibungslärm? Wir haben die falschen Autos für heutige Verhältnisse. Freie Fahrt für freie Bürger? War vorgestern. Heute sind wir Teil der Blechlawine, kollektiv von Ampel zu Ampel, notorisch im Stau. Der Raum wird enger, das Durchschnittstempo sinkt – und das Auto wird Jahr für Jahr grösser, schneller, stärker. Es kommt mir vor, wie wenn lauter erstklassige Rennpferde gehandelt würden – bloss dass die Reiter nirgendwo galoppieren dürfen. So etwas kann die sanftesten Typen aggressiv machen.

Ich wies hier schon einmal darauf hin, wie weltfremd das Auto beworben wird: nie als Vehikel in der realen, verkehrsverstopften, dichtegestressten Agglomeration. Eher als surreales Gefährt in entvölkerten Gebirgslandschaften, in sandverstürmten Wüsten oder in menschenleeren Stadtzentren, jedenfalls weit weg vom Normalverkehr mit Stau, Dreck, Lärm. So bleibt das Versprechen der Werbung mitten im letzten Jahrhundert stecken, als das Leben noch gemächlich lief und die Strassen leer waren, als wir Buben noch auf Kantonsstrassen Fussball spielten, das Feld nur kurz räumten, wenn mal ein Opel Taunus hupte. Heute sind die Strassen verstopft – und wir reagieren, wie Menschen gern reagieren, wenn sie den Durchblick verlieren: Wir verdoppeln die Anstrengungen, wir rüsten auf, stets am alten Produkt, das Auto wird noch wuchtiger, schneller, potenter. Ergebnis: rasender Stillstand, frustrierte Automobilisten.

Siehe Schwalben. Die leben riskant, seit der Mensch im Auto unterwegs ist. Sie liessen sich gern auf Strassen nieder, wurden prompt überfahren, auf solch einen schnellen Gegner waren sie nicht eingestellt. Seit geraumer Zeit bleiben nun weniger tot liegen. Sind sie schlauer geworden? Schneller! Sie stutzten ihre Flügel, um Millimeter nur, doch das reicht, so sind sie flinker, wendiger, souveräner, freier – dank Stutzen statt Protzen. Ein Vorbild für Mobilität? Konzentrieren statt expandieren – mit Mini-Car, Share-Modell, auch Magnetbahn, Hyperloop, Digitalisierung sowieso. Hauptsache, mehr Leichtigkeit, mehr Freude an der Mobilität statt nur am eigenen Auto.

Doch nun weiss ich gar nicht: Bin ich allein mit der Fantasie, es könnte auf unseren Strassen nicht nur endlich ruhiger zugehen – sondern auch eleganter, heiterer, freundlicher, offener, farbiger, flüssiger? Hallo, Autobranche?

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