Ramush Haradinaj ist vieles: Ex-Befreiungskämpfer, Volksheld, vom Vorwurf der Kriegsverbrechen freigesprochener Machtmensch und seit Freitag Ex-Premierminister des Kosovo. Doch eines ist er nicht: ein Drückeberger. Als er CH Media im Februar 2018 anlässlich des zehnten Geburtstags seines Staates in der Hauptstadt Prishtina zum Interview empfing, machten erste Gerüchte die Runde, dass Haradinaj bald wieder ins Kreuzfeuer der internationalen Justiz geraten könnte. «Wenn die internationale Justiz mich noch einmal braucht: Ich bin hier, jederzeit. Ich habe nichts zu verstecken. Im Gegenteil: Ich bin sehr stolz auf die Rolle, die ich in unserem Unabhängigkeitskrieg gespielt habe», sagte Haradinaj im Kabinettzimmer des kosovarischen Regierungssitzes.

Seine Rolle im Krieg warf in der Vergangenheit bereits mehrfach Fragen auf. Der heute 51-jährige Politiker, der im Kosovo-Krieg als hoher Offizier die Befreiungsarmee UCK befehligte, stand zwischen 2005 und 2008 zweimal in Den Haag vor dem UN-Kriegsverbrechertribunal und musste sich unter anderem gegen den Vorwurf verteidigen, im Kosovo-Krieg schwere Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen zu haben. 2008 wurde er von allen Vorwürfen freigesprochen – zum Unmut der Schweizer Chefanklägerin Carla del Ponte, die sich über die angeblich massiven Einschüchterungsversuche von mehreren potenziellen Zeugen beschwerte.

Jetzt hat ihn das 2015 gegründete Sondergericht für die Verbrechen der UCK im Kosovo-Krieg (1998-1999) erneut vorgeladen. Die Richter des Sondertribunals wollen mit Haradinaj unter anderem über den Vorwurf reden, dass UCK-Truppen während und kurz nach dem Krieg mit Organen von Serben gehandelt und dafür Gefangene willkürlich umgebracht hätten. Der Vorwurf ist einer der dunkelsten Verdachtsmomente, die der damalige Tessiner FDP-Ständerat Dick Marty in einem Untersuchungsbericht zuhanden des Europarats 2010 äusserte.

Haradinaj, der als junger Mann jahrelang in der Westschweiz als Türsteher und Dachdecker gearbeitet hatte, winkt ab, wenn man ihn auf diese Vorwürfe anspricht. Dass er im Falle einer Vorladung des Sondergerichts aber trotzdem von seinem politischen Posten abtreten würde, war für ihn bereits im Februar 2018 klar. «Ich weiss ja schon, wie das geht. Das habe ich 2005 auch schon gemacht, als ich zum ersten Mal von den Richtern in Den Haag angeklagt worden war», sagte Haradinaj im Interview mit CH Media.

Wie die anstehende Reise nach Den Haag für den einstigen Freiheitskämpfer ausgehen wird, ist offen. Das neue Sondertribunal, das seinen Fokus auf die Verbrechen der Kosovaren an den Serben richtet, hat bereits zweimal einen neuen Chefankläger erhalten, bislang aber noch keine einzige Anklage zustande gebracht.

Dass Haradinajs abrupter Rücktritt den Kosovo destabilisieren und die Anspannung im Land steigern wird, ist unvermeidlich. Sollten nebst Haradinaj auch weitere einstige UCK-Kommandanten wie der heutige Staatspräsident Hashim Thaçi oder Geheimdienstchef Xhavit Haliti vorgeladen werden, könnte die Stimmung im europhilen Kosovo rasch kippen. Dass verurteilte Kriegsverbrecher auf dem Balkan zu politischen Ikonen verklärt und nach ihrer Inhaftierung erst recht als Märtyrer für die vermeintlich rechte Sache verehrt werden, zeigt das Beispiel der beiden serbischen Kriegsverbrecher Ratko Mladic und Radovan Karadzic, denen in weiten Teilen Bosniens noch heute auf Plakatwänden und Hausfassaden ewige Treue geschworen wird.

Das ist natürlich kein Grund, mutmassliche Kriegsverbrecher wegen der drohenden Märtyrerisierung nicht vor Gericht zu stellen – im Gegenteil. Dass Ramush Haradinaj sich nicht zweimal bitten lässt und sofort hüpft, wenn Den Haag pfeift, zeigt darüber hinaus, wie stark der Glauben an Rechtsstaatlichkeit im Kosovo seit Kriegsende gewachsen ist. Ob das Land ohne den umstrittenen Schaffer Haradinaj an der Spitze des Beamtenapparats weiter so rasch in die richtige Richtung schreitet, bleibt abzuwarten.