Gastkommentar

Sportlicher Abstieg in Zürich: Wir sind eben doch nicht so gut

«Abwechselnd führend und peinlich»: Tristesse im Letzigrund, und nicht nur dort.

«Abwechselnd führend und peinlich»: Tristesse im Letzigrund, und nicht nur dort.

Als Zürcher bin ich zurzeit enttäuscht, ja geradezu entsetzt. Unser mit Abstand bevölkerungsreichster Kanton mit über 1,5 Millionen Einwohnern, der Raum mit der grössten Wirtschaftskraft des Landes, mit zwei Universitäten und einem beinahe endlosen Kulturangebot ist kurz vor den Regierungsrats- und Kantonsratswahlen in einem nicht ganz unerheblichen Gebiet in absoluter Unterform: im Sport.

In diesem Bereich erkennt man überall, wo man hinblickt, nur Trostlosigkeit. Im Fussball torkelt GC immer schneller dem Abgrund entgegen und zeigt gar erschreckende Auflösungserscheinungen. An der Spitze des ehemaligen Nobelklubs und Rekordmeisters, der sich früher sehr, sehr exklusiv gegeben hat, steht seit Jahren ein biederer Langenthaler Bauunternehmer, der nach eigenen Angaben das Amt auch übernommen hat, um seine eigenen Geschäftsaktivitäten aus der Provinz ins reiche Zürich auszuweiten.

Dort hat sich nämlich niemand mehr gefunden, der den früheren Prestigejob übernehmen wollte, weil man sich mit diesem nach den Jahren des Niedergangs bloss noch Häme einheimsen konnte. Es würde beinahe an ein Wunder grenzen, wenn GC den Abstieg noch verhindern könnte – und was danach käme, übersteigt die Vorstellungskraft.

Der FC Zürich, im Privatbesitz der Familie Canepa, die ihr Hobby mit viel Herzblut und nicht viel Fortüne betreibt, dümpelt seit Jahren im Mittelmass. In der obersten Klasse spielt der FCZ seit Jahren keine Rolle mehr und hofft Saison für Saison allein auf einen Lucky Punch im Cup. Von YB, dem Klub aus der behäbigen Beamtenstadt Bern, ist man mittlerweile äonenweit entfernt.

Ambri und Thun statt Zürich

Im Eishockey sind die grossartig benamsten Flyers seit Jahren auf Absturzkurs. Mehrere Besitzerwechsel in kurzer Folge haben aus dem früheren Spitzenverein eine irrlichternde Truppe gemacht. Und sogar der vom mehrhundertfachen Millionär Walter Frey grosszügig ausgestattete ZSC ist glorios gescheitert und trotz allen hektischen Wiederbelebungsversuchen ins Nirwana des Playout entschwunden.

Dafür spielt etwa ein Club aus Ambri – also einem winzigen Dorf, das man auf der Autofahrt ins Tessin nur bei extremstem Hinsehen überhaupt ausmachen kann – um die Meisterschaft, ebenso die Mannschaft von Langnau aus dem beschaulichen Emmental. Ganz vorne dabei ist auch das kleine Zug, das sich bisher nur als Steuerparadies zu profilieren vermochte.

Und im Fussball ist das bescheidene Thun mit mickrigem Budget, kleinem Stadion und einem extrem limitierten Zuschauer- und Sponsorenpotenzial klar erfolgreicher als die grossen Klubs aus dem ehemals übermächtigen Zürich.

Sattsamkeit der Emporkömmlinge

Es ist abwechselnd rührend und peinlich, wie die Zürcher Klubverantwortlichen zurzeit in länglichen Interviews öffentlich nach irgendwelchen verblasenen Erklärungen für ihre Flop-Kaskaden suchen. Dabei wird die wohl zentrale Frage gar nicht gestellt: Ist es schlicht und einfach die mangelhafte Einstellung aller Beteiligten, die zu diesem kollektiven Versagen geführt hat?

Sind die von überall teuer eingekauften Spieler, Trainer und Sportchefs einfach zu satt und mit sich und ihrer Welt rundum im Reinen, weil sie es geschafft haben, sich einen Job im grossartigen Zürich zu angeln, während ihre Kollegen weiterhin in der tiefsten Provinz malochen, um so ans Ziel ihrer Träume zu gelangen.

Ist es gerade das im inländischen Vergleich reichlich vorhandene Geld und das viele Blingbling von Zürich, das den Erfolg verhindert? Vielleicht sollten wir Zürcher die aktuelle Sportmisere deshalb als Realitätscheck zur Kenntnis nehmen, dass wir eben doch nicht so gut sind, wie wir selbst glauben. Dieses Selbstbewusstsein wird uns in der Restschweiz als Arroganz ausgelegt und hat uns einen tiefsitzenden Anti-Züri-Reflex eingetragen. Dieser dürfte sich wegen der aktuell akzentuierten Erfolglosigkeit der Zürcher Klubs etwas abschwächen, was als einziges und für uns wenig tröstliches Element der jüngsten Ereignisse festgehalten werden könnte.

Ja, wir sind nicht quasi automatisch in allem die Grössten, sondern müssen uns einen Ruck geben. Sonst werden auch wir Zürcher in der immer kompetitiveren Welt überrollt. Im Fussball droht uns Ungemach von Thun und Sion, im Eishockey von Langnau, Langenthal, Zug und Ambri – und im High-Tech-Bereich sowie bei der künstlichen Intelligenz von China. Und das wäre dann, wenn man es als Zürcher Sportfan ernsthaft bedenkt, beinahe noch ein Stück weit folgenschwerer.

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