Zugedeckt bis zum Kinn ruht die Person unter einem Sonnenschirm auf dem Liegestuhl. Reglos. Auf den ersten Blick ist nicht zu erkennen, ob es sich um einen Mann oder eine Frau handelt. So klapprig-dürr, so gebrechlich ist dieser Mensch. Daneben ein Rollstuhl. Ausserdem drei Frauen.

Dem Alter nach zu schliessen Tochter, Enkelin und Urenkelin. Punkt 12 Uhr mittags kommt Bewegung in die Gruppe. Die drei Frauen treten zum Liegestuhl, ziehen die Decke weg, schieben den Rollstuhl noch näher heran, helfen beim Aufstehen. Jetzt wird deutlich, dass es sich um eine Frau handelt – eine sehr, sehr alte Frau. Mindestens 90 muss sie wohl sein.

Vorsichtig und liebevoll helfen ihr die anderen in den Rollstuhl, schieben sie in Richtung Hotel. Mittagszeit an einem Strand irgendwo an der italienischen Adria. Noch ist Vorsaison, noch ist es ruhig; die Menschenmassen fallen erst in ein paar Wochen ein. Bei der nächsten Begegnung grüssen wir freundlich: Buongiorno! Die alte Frau lächelt, nickt kaum merklich.

Welch ein Kontrast zu den Strandschönheiten, die ihre perfekten, bereits leicht gebräunten Bodys präsentieren! Doch Platz ist hier auch für kranke und schwache Menschen; auch sie sollen Meeresluft einatmen und ein paar Sonnenstrahlen geniessen dürfen. Ein Kontrast aber auch zum Umgang mit Alten in Mitteleuropa.

Ein Satz wie: «Glaub ja nicht, dass ich mich um dich kümmere, wenn du einmal alt und pflegebedürftig bist» käme hier im Süden kaum jemandem über die Lippen.