Die eigenen Erfahrungen von Sommerferien in den Bergen haben bestätigt, was Zeitungen zum aktuellen Tourismusaufkommen bereits berichtet haben: Die Hotels sind sehr gut ausgebucht, teilweise ist jedes Bett besetzt.

Ausländische Gäste zuhauf, vor allem auch aus den USA. Das hat da und dort auch spannende Gespräche ermöglicht. Etwa jenes mit einem etwa 55-jährigen orthodoxen Juden aus New Jersey, ein freundlich lächelnder Herr mit Bart, aber ohne Kippa, jedoch im traditionell weissen Hemd und mit schwarzer Hose.

Er spricht mich an der Hotelrezeption an, fragt mich, woher ich komme. Es ist nicht sein erster Besuch in der Schweiz, doch seit seinem letzten sind 16 Jahr vergangen. Bald reden wir – nicht über Gott –, aber umso eingehender über die Welt, insbesondere über das Verhältnis zwischen Europa und den USA und natürlich über Donald Trump.

Alle haben Schwächen, auch Präsidenten

Die Ausgangslage schien mir klar: In den früheren Präsidentschaftswahlen hatten praktisch alle Ostküstenstaaten, insbesondere New York und New Jersey demokratisch gestimmt. Vor allem die grosse jüdische Community hatte die Demokraten auch finanziell unterstützt.

Als ich Jacob – so hatte sich mein Gesprächspartner vorgestellt – nach seiner Meinung über Donald Trump frage, hatte ich deshalb erwartet, er werde eine Tirade über den Zerfall der politischen gesellschaftlichen Moral loslassen, sind doch orthodoxen Juden vor allem auch für ihren ausgeprägten Familiensinn und für hohe ethische Werte bekannt.

Doch Jacob, der zwanzig Jahr seines Lebens ins Israel verbrachte, mag Trump nicht kritisieren. Im Gegenteil, endlich sei ein Präsident am Ruder, der aktiv zu Israel stehe und nicht nur schöne Worte in die Welt setze, wie Vorgänger Barack Obama.

Wie denn jemand wie er einen Präsidenten akzeptieren könne, der ein ausschweifendes Liebesleben gehabt habe und Sätze wie «grab them by the pussy» zum Besten gab, fragte ich. Jacob lächelt etwas verlegen und meint, alle Menschen hätten Schwächen. Wichtig sei bei einem Präsidenten aber, welche Leistungen er erbringe. «Trump ist ein Mann der Tat, er kann umsetzen und bringt ‹Deals› zustande.»

Mein nächster Versuch starte ich mit einer Frage zu Trumps permanenter Verunglimpfung der Presse und der Verluderung des Wahrheitsbegriffs. Jacob, der Immobilien kauft, saniert und weiterverkauft, outet sich als Anhänger von Fox-News, seiner Meinung nach ein durchaus kritischer Sender.

Nach dem für Trump peinlichen Treffen mit Putin habe Fox News den amerikanischen Präsidenten auch heftig kritisiert, sagt Jacob, im Übrigen seien «New York Times», «Washington Post» oder «CNN» Trump gegenüber schlicht voreingenommen.

New Yorker, Juden und konservative Christen halten zusammen

Ich lenke das Thema auf Europa. Wie er denn die EU sehe, will ich wissen. Jacob kann nicht verstehen, weshalb die EU nicht selber für ihre Verteidigung sorgt. Er findet es ungerecht, dass die US-Steuerzahler letztlich für die Sicherheit Europas aufkommen müssten.

Da bleibt mir nichts anders übrig, als ihm beizupflichten: Als Nachkriegsgeneration haben wir die amerikanische Präsenz einfach als gegeben hingenommen, auch in der Schweiz. Bequem ist das, auch für uns Schweizer, schliesslich profitieren wir genauso von der teuren amerikanischen Sicherheitspolitik wie alle übrigen EU-Mitglieder auch.

Mir geht durch den Kopf, dass wir zwar ein 25 Milliarden teures Loch durch den Gotthard gebohrt haben, aber nicht gewillt sind, ein paar wenige Milliarden für neue Kampfjets auszugeben.

Ich frage Jacob, ob die meisten Juden über Trump so denken wir er. «Vielleicht nicht alle, aber sicher die grosse Mehrheit», sagt er. Ich erwähne, dass mir zwar bewusst sei, dass Trump mit Jared Kushner einen jüdischen Schwiegersohn habe, doch sei Trump immerhin Christ.

Ob denn Kushners Einfluss auf Trump so gross sei, dass sich daraus dessen Pro-Israel-Haltung erkläre, die in der Verlegung der Botschaft nach Jerusalem mündete. «Wissen Sie», sagte Jacob, «Trump ist ein New Yorker, wir sind New Yorker. Trump ist einer von uns.»

«Denken Sie, er wird wiedergewählt?» «Da bin ich ganz sicher. Er hat für Israel mehr getan als jeder Präsident vor ihm. Zudem hat Trump ja nicht nur die jüdische Community hinter sich, auch die konservativen Christen, die Evangelikalen. Wir werden ihn unterstützen!»