Die Verkäuferin musterte mich tadelnd, wie sie so vor mir stand und mit dem roten String-Tanga in der Hand wedelte. «Sie haben noch keine roten Dessous für Silvester besorgt? Das sollten Sie aber. Wenn man die zum Jahreswechsel trägt, beschert einem das viel Glück, Liebe und ...» – an dieser Stelle senkte sie die Stimme, beugte sich zu mir vor und flüsterte: «... viel Leidenschaft im Bett. Das ist ein Brauch aus Italien.»

Ich lehnte dankend ab und sah zu, dass ich mich davonmachte. Weit weg von der Lingerieabteilung und dieser übereifrigen Verkäuferin. Abgesehen davon, dass die Dame sich nicht für mein Liebesleben zu interessieren hat und der Preis für ein paar Quadratzentimeter Spitze mit 89 Franken mehr als unverschämt war, pfeife ich auf diesen Brauch. Verstehen Sie mich nicht falsch: Ich liebe Italien, die Leute, die Mode im Speziellen und das Essen sowieso. Aber ich sehe nicht ein, warum wir nun auch die Bräuche der Italiener übernehmen sollten.

Noch vor zehn Jahren krähte kein Schweizer Güggel nach roter Unterwäsche an Silvester, und heute soll unsere Zukunft davon abhängen? Es ist mir zuwider, dass der Detailhandel nach immer neuen Wegen sucht, um die Umsatzzahlen anzukurbeln. In dem ganzen Halloween-, Black-Friday- und Unterwäsche-Gedöns geraten schweizerische Bräuche ins Hintertreffen, und damit verlieren wir ein Stück landeseigene Identität. Mehr als ein paar Zentimeter.