Kolumne

Utopie ist Teil der Realität

Bleibt ein Wald: Das Wäberhölzli.

Bleibt ein Wald: Das Wäberhölzli.

Das Stimmvolk hat entschieden. Und sogar freiwillig ein Grundeinkommen vertagt. Vielleicht, weil konkrete Erfahrungen fehlen. Da besteht ein Nachholbedarf.

Zum Glück wagt sich nun eine mutige Fricktaler Gemeinde vor. Sie will ein Grundeinkommen erproben. Das freut mich. Wobei ich in dieser Frage etwas parteilich bin. Ein Fricktaler Arzt diagnostizierte mir kürzlich, hoffnungslos naiv zu sein. Er stellte mir seinen Befund ohne vorgängige Konsultation auf einem offiziellen Rezeptzettel zu. Als Beleg diente ihm meine Sympathie für ein moderates Grundeinkommen.

Rheinfelden stimmte am Wochenende auch darüber ab, ob das Wäberhölzli erhalten bleibt oder neu aufgeforstet wird. Gestern Abend setzte sich der Rheinfelder Stadtammann mit einer Kontrahentin zusammen, die das Komitee gegen die «Depo-NIE» inspirierte. Beide wollen aufgerissene Gräben zuschütten. Sie reichten sich lange symbolisch die Hand, obwohl Kameras fehlten.

Erst haderte der Ammann noch mit seiner Widersacherin, die vor wenigen Wochen das Gelände der Gemeindeversammlung dramatisch rodete. Und jetzt lancieren die beiden schon auf den 16.16.2016 hin einen «New Deal», bei dem sie ihr neues Wäberhölzli-Projekt geschickt mit einem ergänzenden Grundeinkommen kombinieren. Ganz nach dem Motto von 1968: «Soyez réalistes, demandez l’impossible». Seid realistisch, verlangt das Unmögliche.

Am Rande des Wäberhölzli entsteht ein nachhaltiges Naturcamp. Mit zwölf Baumhütten zum Beobachten der Tiere und zum Übernachten. Die Ausbildungsstätte schult die Sensibilität für die Natur und das Überleben. Arbeitslose und erwerbstätige Arme (working poor), die den Jahreskurs besuchen, erhalten ein existenzsicherndes Grundeinkommen. Die öffentliche Hand übernimmt die Kosten. Sie gewährt das Grundeinkommen auch Familien mit Kindern, die sich keine Fremdbetreuung leisten können oder zu wenig Einkommen haben.

Die Gemeinde unterstützt so das psychische Wohl sozial Benachteiligter. Sie diskutiert die Auswertung des Pilotversuches an einer künftigen Gemeindeversammlung, die das Projekt verstetigen und weitere Fricktaler Gemeinden dazu animieren wird, ebenso mutig zu agieren. Denn die Utopie ist Teil der Wirklichkeit. Das ergänzende Grundeinkommen erhöht persönliche (Entscheidungs-)Freiheiten. Es verteilt Risiken auf die ganze Gesellschaft, vermindert psychosomatische Erkrankungen und hilft Bedrängten, ihre Kräfte gezielt und konstruktiv einzusetzen. Wer Freiräume hat, leidet weniger und lebt auf.

Ueli Mäder ist Professor für Soziologie an der Universität Basel. Er lebt in Rheinfelden.

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