Als schweizerisch-französischer Doppelbürger darf ich an französischen Wahlen teilnehmen. Das ist kein Vergnügen, ganz im Gegenteil. Wer wissen will, warum in Frankreich so vieles nicht klappt, kann in einem Wahlbüro live erleben, wie umständlich und altmodisch französische Verwaltungen arbeiten. Dabei wird einem auch wieder bewusst, wie gut, reibungslos und zeitsparend bei uns alles funktioniert.

Das letzte Mal bin ich bei den Europawahlen angestanden. Auf dem Vorplatz des Schulhauses (in Lausanne), dessen Turnhalle vom Konsulat in ein Wahlbüro verwandelt wurde, warten geduldig mindestens zweihundert Personen. Nach einer halben Stunde wird die Schlange beim Eingang nach Alphabet aufgeteilt. Ich muss in der linken Reihe anstehen, wo Menschen von N bis X hingehören, meine Frau muss rechts rein, weil ihr Mädchenname mit F anfängt. Wir sind verheiratet, aber beim Wählen gehen wir getrennte Wege. Jetzt nochmals eine halbe Stunde bis zum langen Tisch, wo ich mich ausweisen muss, damit die Wahlfunktionäre in einem riesigen Ordner meinen Namen finden können. Ja, die Liste der eingetragenen Wähler besteht in Frankreich aus vielen hundert Blättern, zusammen- gefasst in einem Ordner! Das Blättern geht eine ganze Minute. «Aha, ja, da sind Sie!», sagt der Beamte und macht ein Kreuzchen. Dann: «Nehmen Sie mindestens zwei Listen mit ins Isoloir.»

Die Listen sind selbst verantwortlich, dass genügend Material da ist

Im Isoloir, einer Art Umkleidekabine, werde ich geschützt vor den Blicken anderer Wähler die Liste meiner Wahl in einen kleinen Umschlag stecken. Die zweite mitgebrachte Liste darf ich dann in den Papierkorb werfen. Ich suche bei den Stapeln der Listenblätter meinen Favoriten und finde ihn nicht. Wo ist die Liste neun?, frage ich einen Beamten. «Wir haben keine mehr. Die sind ausgegangen.» Das kann doch nicht wahr sein! Die müssen doch dafür sorgen, dass ich für eine Liste, die eingetragen ist und für die vor dem Schulhaus ein Plakat hängt, stimmen kann. Der Beamte geht zu den anderen Tischen. «Keine mehr.» Warum lässt er nicht wenigstens Fotokopien anfertigen? «Wir haben hier keinen Fotokopierer.» Und – das Tüpfchen auf dem i – «die Listen sind selbst dafür verantwortlich, dass in den Wahlbüros genügend Material aufliegt.» Ich versuche, im Internet das Büro der Liste neun ausfindig zu machen. Rufe dort an, niemand antwortet. Gut, dann nehme ich eine andere Liste, die mir auch passt, gehe ins Isoloir und verfluche das französische System, verklemme mir nicht die Bemerkung: «Das ist ja schlimmer als in den früheren Kolonien. Wenn die Verwaltung den Bürgern so viel Zeit klaut, erstaunt es mich nicht, dass die Produktivität des Landes leidet.» Der Beamte, der mir zuhört, nickt schuldbewusst.

Wieder raus aus dem Isoloir darf ich mit meinem Umschlag zur Urne schreiten, dort öffnet ein weiterer Beamter den Schlitz, in den ich meinen Umschlag einwerfe, und er sagt: «A voté». Hat gewählt. Das hört der Beamte neben ihm, der wiederum in einem riesigen Ordner blättert, in welchem er mich gegen Vor- weisung meines Passes auch relativ schnell (nach etwa drei Minuten) findet. Er dreht den Ordner zu mir, ich darf mit meiner Unterschrift bestätigen, dass ich gewählt habe. Fertig die Prozedur.

Bei den Präsidentschaftswahlen gabs die gleichen Probleme

Wir gehen neben der langen Schlange Wartender wieder raus. Ich frage noch einen Beamten, warum sie nicht mehr Tische und Urnen aufstellen. Sie wüssten ja, wie viele Franzosen es in Lausanne und Umgebung gibt. Er sagt: «Das Konsulat hat nicht mit dieser grossen Beteiligung gerechnet.» Aber bei den Präsidentschaftswahlen gabs die gleichen Probleme, sage ich. Item. Was mein älterer Sohn, ein Ingenieur, für den Präzision und Effizienz etwas gilt und der ebenfalls die fehlende Liste wählen wollte, beim Rausgehen gesagt hat, darf ich hier nicht wiedergeben.

Da kommt mir gerade in den Sinn: Kürzlich habe ich an einem Samstag mein Portemonnaie mit allen Ausweisen im Zug verloren. Habs dem SBB-Fundbüro gemeldet. Da ich nicht annahm, dass es gefunden wir, bestellte ich über das Wochenende alle Ausweise und Karten neu. Am Mittwoch hatte ich alles: Kreditkarten, Mitgliedskarten, Identitätskarte und so weiter. Am Donnerstag mailt die SBB: «Wir haben Ihr Portemonnaie gefunden.» Auch die 245 Franken waren noch drin. Vive la Suisse!