Das Beben in der Politlandschaft ist nach den Zürcher Wahlen noch nicht abgeebbt. Besonders bei der Verliererin SVP, die fünf Prozentpunkte Wähleranteil einbüsste, rumort es: Präsident, Vizepräsident und Sekretär der Kantonalpartei traten gestern zurück. Diesen Sonntag in Baselland und in Luzern und eine Woche darauf im Tessin wird man sehen, ob die Zürcher Trends anhalten: deutliche Verluste für die SVP, massive Gewinne für die Grünen und Grünliberalen.

Die vielleicht beste Erklärung für das, was im bevölkerungsreichsten Kanton passiert ist, kam vom wiedergewählten Zürcher SVP-Regierungsrat Ernst Stocker. Er sagte mit Blick auf die siegreichen Parteien, diese seien «Feuer und Flamme für ihre Sache» und würden «seckeln». So wie dies früher die SVP getan habe.

Grüne und Grünliberale machens wie die Demokraten in den USA

Das ist genau der Punkt. Grüne und Grünliberale haben mit dem Klimaschutz ein Thema gefunden, für das sie brennen. Man braucht nur die entschlossenen Gesichter auf den Fotos der Klima-Demonstrationen anzuschauen: Hier ist eine Bewegung entstanden, die Kraft und Power hat. Wer für den Klimaschutz auf die Strasse geht, nimmt auch den Weg an die Urne auf sich. In den USA, die in zwei praktisch gleich grosse Lager gespalten sind, gibt es die Regel: Es gewinnt jene Seite, die «more energized» ist, also mehr Energie hat, mehr Emotionen aufbringt. Bei der Wahl von Donald Trump 2016 waren das die Republikaner. Ihre Basis war derart angestachelt vom Hass auf Hillary Clinton, dass sie zahlreicher als die selbstzufriedene demokratische Basis an die Urnen strömte und den Anti-Establishment-Kandidaten ins Weisse Haus wählte. Bei den Zwischenwahlen 2018 spielte der gegenteilige Effekt. Nun war die Energie aufseiten der Demokraten. Mit ihrer Wut auf den Präsidenten eroberten sie im Repräsentantenhaus die Mehrheit zurück.

Die bürgerlichen Parteien, möglicherweise aber auch die SP, die in Zürich nicht zulegen konnte, haben die Kraft des Klima-Themas völlig unterschätzt. Wenn die beiden Öko-Parteien gemeinsam einen höheren Wähleranteil erobern als die mächtige SVP, dann sagt das alles. Es liegt in der Logik der Mathematik: Bei einer bedenklich tiefen Stimmbeteiligung von 30 Prozent räumen Parteien, die ein mobilisierendes Thema haben, überdurchschnittlich ab, und jene, denen ein solches fehlt, brechen ein. Die Verlierer sollten sich darum, statt über den angeblichen Medien-Hype um den Klimawandel zu jammern, hinsichtlich der eidgenössischen Wahlen im Oktober die Frage stellen: Für welche Idee brennen eigentlich wir? Wofür verausgaben sich unsere Leute?

> Bei der SVP war die Ausländer- und Migrationspolitik lange Zeit ein Erfolgsgarant – bis die Einwanderung stark zurückging. Nun verpufft die harte Rhetorik. Bleibt das zweite Steckenpferd der SVP, die EU. Hier ist nicht auszuschliessen, dass der Rahmenvertrag unter dem Slogan «schleichender EU-Beitritt» die Basis bewegen könnte, vor allem dann, wenn die anderen Parteien nun nicht mehr entschieden dagegen sind.

> Bei der FDP riss in Zürich eine Siegesserie. Keine andere Partei hatte in kantonalen Wahlen seit 2015 so viele Sitze zugelegt wie der Freisinn. War Zürich nur ein Rückschlag, oder wird es sich als Trendwende entpuppen? Eines lässt sich mit Sicherheit sagen: Die doppelte Kehrtwende der Partei – für ein CO2-Gesetz und für das Rahmenabkommen – hat die Basis nicht elektrisiert. Wer sich Sorge um die Erderwärmung macht, wählte deswegen nicht FDP. Wer für eine EU-Annäherung ist, wählte deswegen nicht FDP. Sondern in beiden Fällen eher die Grünliberalen, die diese Positionen schon lange vertreten. Wofür aber ist die FDP Feuer und Flamme? Okay, für eine prosperierende Wirtschaft und für Jobs. Solange allerdings die Konjunktur brummt, bewegt das die Basis nur begrenzt.

> Bei der SP fühlt man sich von den Zürcher Wählern ungerecht behandelt. «Wir haben doch am meisten für den Klimaschutz getan!», tönt es aus der Sozialdemokratie. Und nun ernten stattdessen Grüne und – welch Graus – die «bürgerlichen» Grünliberalen. Nun, die SP hat man jüngst vor allem als gewerkschaftshörige, konservative Sozialpartei wahrgenommen, der die 8-Tage-Regel wichtiger ist als alles andere. Das verleiht der EU-freundlichen links-urbanen Basis kaum den benötigten Motivationsschub. Dafür besser geeignet wäre die Frauen-Politik: Nebst dem Klimawandel sind gleiche Löhne und die Beteiligung von Frauen in Wirtschaft und Politik das zweite globale Thema mit Zugkraft, das zeigte sich bei den US-Demokraten. Die SP ist hier glaubwürdig – doch Feuer und Flamme sind zu wenig spürbar.

Noch dauert es mehr als ein halbes Jahr bis zu den National- und Ständeratswahlen. Noch kann viel passieren. Das zündende Thema aber – das haben bislang nur die beiden Öko-Parteien gefunden.

patrik.mueller@schweizamwochenende.ch