In der aktuellen Debatte um das neue Waffenrecht begegnen wir einer alten Problematik: Welche Bedeutung sollen wir der Geschichte geben in Fragen, die unsere Gegenwart und Zukunft betreffen? Stimmt es, dass die Schweizer schon zu Urzeiten «waffenfrei» waren, und, falls ja, was soll das für das künftige Waffenrecht heissen? Von einem Historiker wird man wohl die Antwort erwarten, dass Geschichte stets wichtig ist. Dem muss gerade von Historikern entgegengehalten werden, dass Geschichte nicht als solche wichtig ist, sondern ihre Interpretation und Nutzung und unser Verständnis.

Irreführend können gewiss bestimmte Auslegungen einzelner Vorgänge der Vergangenheit sein. Irreführend kann aber auch die generelle Tendenz sein, in der Gegenwart eingenommene Haltungen mit Geschichte zusätzlich zu rechtfertigen und massgebend zu machen. Ein gängiges Muster besteht darin, politischen Positionen der Jetzt-Zeit eine tiefe Vergangenheit zuzuschreiben. Idealerweise eine derart tiefe Vergangenheit, dass man sagen kann, dass sie zu den Anfängen des Gemeinwesens, der Staats, des kollektiven Seins gehört und darum wegleitend und verpflichtend ist.

Das wird so praktiziert bei der Ablehnung «fremder Richter», bei der Idealisierung der direkten Demokratie, bei der Festlegung der Anfänge der Neutralität und jüngst bei der Verteidigung der schweizerischen Waffenfreiheit. Im Falle der Neutralität beschränkt sich die Rückführung auf Marignano 1515. Aber 500 Jahre müssen es nach der traditionellen Überzeugung schon sein. Eine Neutralität, die sich erst im Laufe des 17. Jahrhunderts abzeichnet und erst 1815 eine völkerrechtliche Kategorie wird, wäre weit weniger wert.

Von der erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts mit dem Referendum (1874) und der Initiative (1891) schweizweit eingeführten (allerdings die Frauen ausklammernden) direkten Demokratie nimmt der Mythos an, dass sie schon auf dem «Rütli» praktiziert worden sei, obwohl die Mehrheit der Einwohner – das Intermezzo der Helvetik (1798) ausgenommen – bis ins 19. Jahrhunderts ohne politische Rechte war.

Und im Falle der im Bundesbrief von 1291 erwähnten «fremden Richter» wird diesen eine Zuständigkeit zugeschrieben, die sie damals nicht hatten, um daraus für die Ablehnung internationaler und supranationaler Institutionen ein Schlagwort zu machen.

Und jetzt das Schlagwort von der uralten Waffenfreiheit: In der individuellen Variante bezieht es sich auf die mythische Figur des undatierbaren Tell, in der kollektiven Variante auf den mythischen Freiheitskampf von 1315, der sich bei Morgarten zugetragen haben soll. Genau an diesem unbestimmten Ort hat der Verein Historische Schützen Schweiz (HSS) seine Mitglieder gegen die Revision des Waffengesetzes eingeschworen; dies unter Berufung auf den archaisierenden Slogan «Hütet Euch am Morgarten», aber in Kombination mit dem neudeutschen Logo «Swiss shooting».

In den historischen Bezügen fallen zwei Dimensionen zusammen, die sich tatsächlich teilweise verschränken und dennoch im Verständnis auseinandergehalten werden sollen: das Schiesswesen als Teil der militärischen Landesverteidigung und das Schiesswesen als Sport und geselliger Betrieb. Letzteres ist als bürgerliche Variante eine Fortsetzung des adligen Turnierwesens und hatte mit seinen im 19. Jahrhundert wichtig gewordenen Anlässen vor allem eine soziale Funktion. Das gilt auch für das erst 1862 eingeführte Rütlischiessen und für das Morgartenschiessen, das in konkurrierender Nachahmung 1895 als «invention of tradition» erstmals inszeniert wurde und auf dem «Müsli» in Oberägeri stattfand.

Etwas anderes ist die allgemeine Wehrpflicht und die damit verbundene Bewaffnung des männlichen Volkes. Es wäre falsch, sich vorzustellen, dass alle Männer – wie früher mit Hellebarden – nach 1848 mit einem Schiesseisen ausgerüstet worden wären. Und die berühmte Taschenmunition wurde erst 1892 vorübergehend und «dauerhaft» erst seit 1952 im Kalten Krieg im Sinne einer Vorbeugung gegen «feindliche Über- raschungsangriffe» abgegeben – und nach 2007 wieder aus dem Verkehr genommen. Schon 1996 war – ohne Druck der EU und ohne Infragestellung der sogenannten Souveränität – auch die Zwangsverpflichtung der aktiven Wehrmänner aufgehoben worden, einem Schützenverein anzugehören. Paradoxerweise würden die Schützenvereine im neuen Waffengesetz wieder wichtiger, weil Besitzer von halbautomatischen Gewehren da Mitglied werden müssten – dennoch sind die Vereine dagegen.

Was leiten wir aus solchen Vergangenheitselementen für die Zukunft ab? Bundesrat Ueli Maurer erklärte 2012 am 150. Rütlischiessen, wer in die Zukunft schreite, müsse wissen, woher er kommt. In der Vergangenheit ist aber kein eindeutiger Auftrag für die Zukunft angelegt. Geschichte wird besonders gerne dann als zusätzliches Argument beigezogen, wenn die aus der Gegenwart entwickelte Lagebeurteilung nicht ausreicht. Dabei geht es aber nicht um Rücksicht auf Vergangenheit, sondern immer um Verstärkung bestimmter Positionen in der Gegenwart.