Betrunkene und Kinder sprächen die Wahrheit, sagt man. Ja, hin und wieder äussere auch ich nach zwei, drei Gläsern Wein Dinge, die ich nüchtern für mich behalte. Was ich wirklich von den Kochkünsten eines guten Freundes halte etwa oder vom süssen Parfüm meiner Verwandten. Tatsächlich handelt es sich bei solch Gesagtem nicht um die Wahrheit, sondern um Meinungen.

Und zumindest im nüchternen Zustand bin ich der Meinung, dass Meinungen nicht immer kundgetan werden sollten. Vor allem dann nicht, wenn wir glauben, sie entsprächen der Wahrheit, wenn sie in Wahrheit nichts anderes sind als Meinungen über Dinge, die andere anders sehen.

«Maria, wie schwer bist du eigentlich? Du bist sicher viel schwerer als Sarah!», sagte kürzlich das Kind einer Freundin an einem vollen Tisch zu mir. Nur wenige lachten verhalten. Die Eltern versuchten rasch, das Gesagte abzuschwächen, und machten dem Jungen weis, dass er dies nicht beurteilen könne, denn wir hätten ja Kleidung an und da sei es ganz schwierig, das Gewicht abzuschätzen.

Sie wollten mich vor Verlegenheit schützen, ich verstand das. Sarah und ich gaben dem Jungen Antwort und die Sache war klar: Ich bin schwerer als Sarah. Der Kleine nickte zufrieden und wandte sich wieder dem Kuchen zu, ich tat es ihm gleich. Keine Meinung, sondern einfach die Wahrheit. Ich mag Kinder.