Eigene Meinung macht Scherereien. Es scheint, als hätte die neue SRF-Direktorin Nathalie Wappler keine grosse Lust auf Scherereien. In einem Interview mit der «NZZ am Sonntag» sagte sie: «Wir müssen ein Programm machen, das informiert, aber nicht polarisiert. Wir müssen keinen Meinungsjournalismus machen.» Nur wenn mal eine Partei bellt, weil sie sich benachteiligt fühlt, heisst das noch lange nicht, SRF hätte bislang Meinungsjournalismus gemacht. Also wird sich vielleicht gar nicht viel ändern, wenn Wappler im Frühling das Kommando übernimmt. Schade. Denn wenn eine Seite behauptet, Donald Trump lügt und die andere Seite behauptet, Donald Trump lügt nicht, ist es die Pflicht des Journalisten, sich ein eigenes Bild zu machen statt die divergierenden Meinungen ungefiltert weiterzugeben.

Andererseits widerspricht sich Wappler. Sie sagt auch, es brauche Journalisten,
die gewichten. Nur wie soll das gehen, einordnen und gewichten ohne Meinung? Und im weiteren Verlauf des Interviews räumt Wappler gar ein: «Die Meinungsvielfalt ist ein wichtiges Gut.» Meinung ja, aber bloss keine eigene, weil es ja Scherereien geben könnte? Nein, SRF hat beileibe kein Imageproblem, weil es Meinungsjournalismus betreibt. Im Gegenteil. Und das ist bedauerlich. Denn ein Medienbetrieb ohne Meinung unterscheidet sich kaum noch von einer Plakatwand.