Warum schauen die Menschen, die ihr interviewt, eigentlich immer am Zuschauer vorbei?» hat mich kürzlich ein aufgeweckter 13-Jähriger gefragt. Ich stutzte, weil ich die Frage zuerst nicht verstand. «Die schauen bei euch alle zum Bild raus, irgendwie komisch», ergänzte er. Ich erklärte, dass neben der Kamera jeweils eine Reporterin oder ein Reporter stehe und die Fragen stelle. Die Befragten schauen deshalb nicht direkt in die Fernsehkamera. Doch ich merkte, dass meine Antwort ihn irgendwie nicht befriedigte. Erst später, als ich nochmals darüber nachdachte, ahnte ich, warum. Und staunte. 

Diese einfache Frage zeigt nämlich, wie sich der Blick der Jungen verändert hat. Es ist die Generation, die mit Social Media aufwächst. Sie face-timen und skypen. Sie schauen die Videos ihrer Youtube-Stars, in denen die Youtuber direkt in die Linse zur Community reden. Auch auf Snapchat oder Instagram: Frontal ist normal. Sie machen mit ihren Kollegen Selfies und sind es gewohnt, direkt in die Kamera zu schauen. Dies führt offenbar dazu, dass die ganz Jungen die traditionelle Bildsprache unserer Nachrichtensendungen anders beurteilen.

An die heutige, zackigere Schnitttechnik haben wir uns gewöhnt

Ich bin überzeugt: Wollen wir Nachrichtenjournalisten also mit unseren Inhalten die Jungen weiterhin erreichen, gilt es auch, darüber – ich nenne das die Youtuberisierung der Sehgewohnheit – nachzudenken. Auch wenn das ein Detail sein mag. Es sind nun mal die kleinen Unterschiede, die in der Summe etwas ausmachen. Ein kleines Experiment: Schauen Sie sich einen alten Film an, einen Actionstreifen aus den 80ern, MacGyver zum Beispiel. Abgesehen von nostalgischen Gefühlen, die hier vielleicht aufkommen, werden Sie feststellen, dass Ihnen das Gesicht einschläft. Der Bildwechsel-Rhythmus eines Heldenaktes ist so langsam, dass der moderne 007-Daniel Craig in derselben Zeit drei Verfolgungs-Jagden locker schaffen würde. An die heutige, zackigere Schnitttechnik haben wir uns gewöhnt. Würde man heute Nachrichtenbeiträge noch so schneiden wie in der Anfangszeit des Fernsehens, würden wohl einige nullkommaplötzlich wegzappen. Da die Jungen heutzutage immer mehr Inhalte via Smartphone konsumieren, dürfte sich die Bildsprache nochmals wandeln, weil ein kleiner Screen beeinflusst, wie wir Bilder erfassen.

Doch abgesehen vom Handwerk treibt uns Medienschaffende ja die Frage um, wie wir mit unseren Nachrichteninhalten die Jungen überhaupt noch erreichen. Auch hier sagt ein Detail viel aus. News sind nämlich nicht gleich News. Sandra Cortesi befasst sich damit an der Harvard-Universität. Die Forscherin weist darauf hin, dass alleine schon der Begriff «News» für die Jungen eine andere Bedeutung habe. Heisst: Wenn wir als Medienschaffende etwas als neu, als Nachricht bezeichnen, meinen wir etwas anderes, als wenn ein Teenager davon spricht. Denn Social Media hat mit den dortigen Newsfeeds auch den ursprünglichen Begriff verändert. Viele Junge assoziieren News inzwischen nicht mehr zwangsläufig mit hoher Politik, mit aktuellen Informationen über Trump, Syrien oder mit Wahlresultaten. News, das ist alles, was neu ist auf den Social-Media-Plattformen. Das könnte also eine einfache Nachricht auf Whatsapp sein. Oder etwas, das irgendwo auf der Welt passiert und von jemandem aus dem Kollegenkreis via Smartphone thematisiert wird – ob relevant oder belanglos spielt keine Rolle.

Mit den Jungen auf Augenhöhe kommunizieren

Nun kann man hier einwenden, das sei nicht entscheidend. Wenn sie älter seien, würden die Jungen automatisch wieder Zeitung lesen, Nachrichten schauen. Doch Forscherin Cortesi unterstreicht, auf das dürfe man nicht einfach hoffen, man müsse vielmehr versuchen, die Jungen möglichst früh auf ihren Kanälen zu bedienen. Mit News-Einstiegs-Inhalten sozusagen. Wenn beispielsweise die Sängerin Beyoncé in der Superbowl-Pause ein politisches Statement abgebe, könne man das Thema aufgreifen und breiter weiterführen. 

Das heisst ja eigentlich nichts anders als: mit den Jungen auf Augenhöhe zu kommunizieren. So weit, so logisch. Aber was machen wir nun künftig mit dem Blick der Interviewpartner? Wohin sollen sie schauen? Sicher hält man sich da vorerst noch an die «alte Schule». Fragt sich nur, wie lange noch.