Was für eine Woche für den alten Kontinent: Italiens Populisten-Kabinett aus Lega und Fünf-Sterne-Bewegung foutiert sich dreist um die europäischen Budget-Vorgaben. Die britische Regierung von Premierministerin Theresa May droht am Brexit zu zerbrechen, das Land ist unversöhnlich in zwei Lager gespalten. Der französische Präsident Emmanuel Macron fordert eine europäische Armee und löst damit primitive Pöbeleien des amerikanischen Präsidenten Donald Trump aus. Und Angela Merkel laviert wie stets zwischen den Unruheherden hin und her und versucht durch gutes Zureden die Situation zu entschärfen.

Auch wenn es den Menschen nirgendwo sonst auf der Welt so gut geht wie in Europa: Es wäre beschönigend, von einer Blütephase von Good Old Europe zu sprechen. Mit Italien gebärdet sich ein EU-Gründungsmitglied derzeit wie ein unerzogener Schulbengel, der in jeder Pause ein Schoggibrötli isst, das er gar nicht bezahlen kann. Länder wie Polen oder Ungarn sind schon länger Sorgenkinder, weil sie sich vom liberalen westeuropäischen Gesellschaftsmodell distanzieren und einen eigenen Weg zwischen russischem Autoritarismus und westlichem Hedonismus suchen.

Kurz und schlecht: Die zentrifugalen Kräfte Europas sind stärker denn je. Besorgte Philosophen und Politologen sehen angesichts der nationalistischen Aufwallungen gar die Demokratie in Gefahr und warnen vor einem Rückfall in dunkle Zeiten.

Der alte Kontinent gilt weiterhin als Hort des Wohlstands

Nur keine Panik. Europa ist nicht in einem Zustand der Agonie wie einst die Weimarer Republik, der die vereinigten Anti-Demokraten kaltblütig den Stöpsel zogen. Europa blickt auf 60 Jahre Stabilität und Wohlstand zurück, die es wesentlich Rechtsstaat und Demokratie zu verdanken hat. Der Absturz der gefestigten westlichen Gesellschaften in die Barbarei steht nicht unmittelbar bevor. Der Kontinent gilt weltweit als Hort des Wohlstands. Nirgendwo sind die Menschen freier und sicherer als hier. Es gibt nach wie vor viele gute Gründe, an eine gedeihliche Zukunft des alten Kontinents zu glauben.

Dennoch, da haben die besorgten Warner recht, ein friedliches Nebeneinander auf einem Kontinent mit so vielen unterschiedlichen Sprachen und Kulturen ist kein Selbstläufer. Geraten zu viele Staaten in den Sog nationalistischer Scharfmacher und populistischer Blender, könnte die Stimmung durchaus kippen.

Umso wichtiger wäre es in dieser unruhigen Phase, dass eine europäische Grossmacht wie Deutschland konsequent an der Einigung der Europäischen Union arbeiten würde. Das aber tut unser nördlicher Nachbar unter der Ägide der zögerlichen Bundeskanzlerin Angela Merkel seit geraumer Zeit nicht mit der nötigen Entschlossenheit. Obwohl die Gelegenheit für einen grossen Schritt nach vorn denkbar günstig wäre.

Wäre da nicht die Risikoscheu deutscher Kleinsparer

In Paris regiert mit Emmanuel Macron ein charmanter, von der Notwendigkeit europäischer Zusammenarbeit überzeugter Staatschef. Seit seinem Amtsantritt versucht der 40-Jährige, der europäischen Idee neues Leben einzuhauchen. Doch das deutsche Bürgertum, paralysiert vom Aufstieg der rechtspopulistischen AfD und vor der Risikoscheu deutscher Kleinsparer in Ehrfurcht erstarrt, reagierte bisher wie gelähmt und liess den Franzosen ein ums andere Mal ins Leere laufen.

Just zu den Feierlichkeiten zum 100. Jahrestag des Endes des Ersten Weltkriegs mehren sich nun aber die Anzeichen, dass Angela Merkel in ihren letzten Jahren als Kanzlerin über sich hinauswachsen könnte. So sprach sie sich diese Woche vor dem EU-Parlament in Strassburg – wenn auch noch äusserst vage – für die Bildung einer europäischen Armee aus. Ein Projekt, das angesichts der geopolitischen Spannungen schon länger eine ernsthaftere Auseinandersetzung in der europäischen Öffentlichkeit verdient hätte. Europa muss sich grundsätzlich selber verteidigen können.

Ein weiteres Indiz für einen echten deutsch-französischen Plan zur Revitalisierung der EU lieferte gestern Abend der «Spiegel». Gemäss dem Nachrichtenmagazin soll Deutschland nach langem Zaudern endlich bereit sein, der französischen Forderung nach einem substanziellen Investitionsprogramm und einem Budget für die Eurozone zuzustimmen. Das wäre ein wichtiger Schritt in Richtung stärkerem Zusammenhalt der Union.

Auch wenn viele Details dieses Plans noch nicht bekannt sind: Das sind Lebenszeichen in einer Phase, in der simple Lautsprecher wie Italiens rechtspopulistischer Innenminister Matteo Salvini oder der Twitterer aus Washington die Schlagzeilen beherrschen.