Als ich ein kleiner Junge war, da habe ich gedacht, dass die Guten gefördert werden und die Besten an der Spitze landen. Und die Allerbesten, die regieren die Schweiz. Ist ja logisch. Wenn das Volk schon selbst bestimmen kann, wer es regiert, dann wäre das Volk ja blöd, wenn es sich eine schlechte Regierung geben würde.

Als ich ein kleiner Junge war, da trug ich kurze Hosen und hatte oft verschlagene Knie. Ich wollte Weltrauminscheniör werden oder allenfalls Schriftsteller. Ich war überzeugt, dass es auf das Gute im Menschen ankommt und dass, wenn mal etwas gründlich schiefgehen sollte, dann schon eine Fee kommt, die einen rettet. Oder ein guter König. Oder Papa.

Seither habe ich viel dazugelernt. Ich trage heute lange Hosen, mit der guten Fee bin ich verheiratet und irgendwie bin ich eine Mischung geworden aus Weltrauminscheniör und Schriftsteller. Ich habe gelernt, dass nicht die Besten an der Spitze landen, in der Regierung, sondern die, die es mit den Wenigsten verderben. Und dass es den meisten Menschen nicht auf das Gute ankommt, sondern auf die Güter: auf den persönlichen Nutzen.

Experten reden von der «Ökonomisierung der Gesellschaft», vom «Primat der Wirtschaft». Bertolt Brecht hat es einfacher formuliert: «Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral», schrieb er in seiner «Dreigroschenoper». Erst füllen sich die Menschen den eigenen Bauch, dann denken sie über das Gute und das Richtige nach. Wenn überhaupt.

Bei der Bundesratswahl von dieser Woche war selten vom Guten oder Richtigen für die Schweiz die Rede. Die SVP sprach von Anspruch und von Macht und sorgte mit einer Ausschlussklausel dafür, dass die Bundesversammlung ihr auch gehorchte. Die anderen Parteien trotteten hinterher oder machten die Faust im Sack. Am Schluss ist, bei aller Wertschätzung für Waadtländer und Weinbauern, vermutlich nicht der Beste in der Regierung gelandet, sondern der Verträglichste.

Als ich ein kleiner Junge war, da trug ich kurze Hosen und stellte mir das alles anders vor. Eher so, wie es im Grossratssaal des Basler Rathauses in goldenen Lettern steht: «Salus publica suprema lex» – Das allgemeine Wohl ist das oberste Gesetz. Politiker sollen sich fragen, ob das, was sie tun, dem öffentlichen Wohl dient. Das heisst: Ist es im Interesse aller? Dabei gilt es, scharf zwischen diesem öffentlichen Wohl und der Popularität zu unterscheiden: Es heisst noch lange nicht, dass ein Entscheid oder eine Handlung im Sinne des öffentlichen Wohls auch populär ist. Im Gegenteil: Gerade Entscheide im Sinne der Allgemeinheit sind manchmal unpopulär. Immer mehr Politiker schielen aber nicht auf das Wohl, sondern auf die Wahl. Weil sie wiedergewählt werden möchten, weil ihre Partei den Wähleranteil ausbauen möchte, entscheiden sie nicht im Sinne des allgemeinen Wohls, sondern nach dem Gusto ihrer Wähler.

Man könnte dies als Ökonomisierung der Politik bezeichnen: Laut Adam Smith ist der Eigennutz die wichtigste Triebfeder. Der freie Markt sorgt dafür, dass aus der Summe der einzelnen Eigennutze das Gemeinwohl resultiert. Es ist also der freie Markt, der die Interessen der Einzelnen und die der ganzen Gesellschaft in Einklang bringt. Die Freiheit dieses Marktes und dieser Menschen ist dabei durch eine Abwesenheit von staatlicher (politischer) Einmischung definiert. Das Grundprinzip ist: freie Bahn dem Eigennutz.

Doch Freiheit heisst nicht einfach, frei von staatlicher Einmischung zu sein. In der Präambel unserer Bundesverfassung steht, «dass frei nur ist, wer seine Freiheit gebraucht». Das setzt einen Willen voraus, ein Ziel – und Massstäbe. Also eine Moral. Doch die kommt bekanntlich erst nach dem Fressen. Bei Brecht in der «Dreigroschenoper» geht es so weiter: «Nur dadurch lebt der Mensch, dass er so gründlich vergessen kann, dass er ein Mensch doch ist.» Darum geht es: um das Menschsein. Salus publica suprema lex – oder: Zuerst komme die Moral, dann das Buffet.