Wochenkommentar

Haben wir ein Recht auf den Tod?

Der Grosse Rat fordert, dass Sterbehilfeorganisationen wie Exit freien Zugang zu öffentlich unterstützten Spitälern, Alters- und Pflegeheimen erhalten.

Der Grosse Rat fordert, dass Sterbehilfeorganisationen wie Exit freien Zugang zu öffentlich unterstützten Spitälern, Alters- und Pflegeheimen erhalten.

Ist Sterben ein Menschenrecht oder haben die Menschen kein Recht auf den Tod? Der Wochenkommentar über den Zugang von Sterbehilfeorganisationen zu Spitälern und Heimen.

Am letzten Mittwoch hat der Basler Grosse Rat an die ganz grossen Fragen gerührt. Es sind Sätze gefallen, wie sie in dem ehrwürdigen Saal im Rathaus noch selten zu hören waren. Anlass war eine Motion von Luca Urgese: Der 28-jährige FDP-Grossrat fordert, dass Sterbehilfeorganisationen wie Exit freien Zugang zu öffentlich unterstützten Spitälern, Alters- und Pflegeheimen erhalten.

Ob ein Patient Zugang zu Sterbehilfe hat, ist Zufall

Es komme heute immer wieder vor, dass Spitäler oder Heime, welche die Sterbehilfe ablehnen, ihren Patienten den Beizug von Sterbehilfeorganisationen verwehren oder faktisch verunmöglichen. Das sei problematisch, weil die Patienten oft keine oder nur eine beschränkte Wahl haben, in welchem Spital oder Alters- und Pflegeheim sie untergebracht werden. «Der Zugang zur Sterbehilfe unterliegt somit gewissermassen dem Zufall, was in einer derart grundlegenden Frage unhaltbar ist.» Tanja Soland (SP) unterstützte das Vorhaben: «Die Autonomie der Menschen ist wichtiger als die Autonomie der Institution», erklärte sie. Thomas Müry (LDP) hielt dagegen: «Es gibt kein Recht auf den Tod!» Wie bitte?

Der Grosse Rat überwies die Motion Urgese mit 50 gegen 29 Stimmen bei 16 Enthaltungen. Bereits am Tag nach dem Entscheid regte sich aber Widerstand: Das Claraspital und verschiedene Pflegeheime wehren sich: Sie wollen sich nicht der Sterbehilfe öffnen. Die Heime betonen, es gebe eine Alternative zur aktiven Sterbehilfe: die palliative Pflege. Dabei werden todkranke Menschen so betreut, dass sie nicht leiden müssen, ihr Leben aber nicht zwingend verlängert wird.

Heime und Spitäler, die sich der aktiven Sterbehilfe weiterhin verschliessen möchten, argumentieren: Der Staat müsse die unterschiedlichen Wertehaltungen respektieren. Das ist sicher so. Bloss: Wessen Wertehaltungen? Die Spitäler sprechen von den Wertehaltungen und Bedürfnissen der Institutionen. Urgese und Konsorten sprechen von den Wertehaltungen und Bedürfnissen der Patienten. Was zählt mehr? Luca Urgese schreibt in seiner Motion: «Es ist Aufgabe des Staates, dem Selbstbestimmungsrecht des Menschen und der Menschenwürde als fundamentale Grundrechte zum Durchbruch zu verhelfen.»

Zum Selbstbestimmungsrecht des Menschen gehört nach seiner Auffassung auch das Recht, seinem Leben ein Ende zu setzen. Urgese will deshalb die Spitäler und Heime in Basel dazu verpflichten, den Patienten und Insassen auf Wunsch Zugang zu Hilfe zur Selbsttötung zu geben. Wohlverstanden: Die Spitäler sind nicht verpflichtet, bei der Selbsttötung zu helfen, sie dürfen bloss den Zugang zur Sterbehilfe nicht verweigern.

Es stellen sich also zwei Fragen. Erstens: Was ist wichtiger, die Bedürfnisse der Institution oder die des Patienten? Und zweitens: Ist Sterben ein Menschenrecht oder haben die Menschen, wie Thomas Müry es im Grossen Rat sagte, kein Recht auf den Tod? Gibt es also eine Pflicht, zu leben? Darf sich ein Spital auf den Standpunkt stellen, das Leben dürfe nicht verkürzt werden und den Patienten daran hindern, sich das Leben zu nehmen?

Artikel 7 der Bundesverfassung lautet: «Die Würde des Menschen ist zu achten und zu schützen.» Der deutsche Journalist und Autor Fritz J. Raddatz schrieb: «Zur Würde des Menschen gehört der Tod.» Man könnte vielleicht sogar sagen: Der Tod macht das Leben erst aus. Peter Noll, der Basler Strafrechtler und Freund von Max Frisch, der 1982 an Blasenkrebs verstarb, nachdem er sich gegen jede Behandlung entschieden hatte, sprach in seinen «Diktate über Sterben & Tod» vom «Leben aus der Todesperspektive».

Recht auf Selbstbestimmung über das Leben hinaus

In einer Gesellschaft, die auf Gesundheit und Wellness fixiert ist, hat der Gedanke an den Tod keinen Platz. Umso erstaunlicher ist es, dass der Grosse Rat das Recht der Menschen auf selbstbestimmtes Sterben höher gewichtet als die Anliegen von Pflegeinstitutionen. Peter Noll schreibt, das Leben werde klarer, wenn man den Tod akzeptiere: «Der Tod bleibt sich gleich, aber das Leben wird anders.» In der Pharmastadt Basel dürften die Diskussionen darüber, ob die Menschen ein Recht auf den Tod haben, interessant werden. Und sie sind wichtig. Zum carpe diem, zum Geniessen, gehört seit je das memento mori, das Denken an den Tod.

Autor

Matthias Zehnder

Matthias Zehnder

Meistgesehen

Artboard 1