Sie nehmen zu. Jene Abdankungen, bei denen eine Verstorbene oder ein Verstorbener im «engsten Familienkreis» bestattet wurde. In den Trauergesprächen, die ich als Seelsorgerin regelmässig führe, wird dieses Anliegen immer wieder einmal zum Ausdruck gebracht: Man will unter sich sein, sich nicht den Blicken so vieler anderer ausgesetzt wissen. An einem Tag, an dem man verwundbar ist, angeschlagen, in Trauer, ratlos, vielleicht aber auch erleichtert, befreit, erlöst und in jedem Fall in einem emotionalen Ausnahmezustand.

In diesen Tagen nahm ich selbst erstmals an einer solchen Beisetzung teil – im engsten Familienkreis. Der Verstorbene gehörte vor vielen Jahren einem Gremium unserer Pfarrei an. Als Gemeindeleiterin hatte ich Kenntnis von dieser Abdankung ohne Pfarrperson erhalten, und es war mir ein persönliches Bedürfnis, jenem Menschen, den ich stets wertschätzend und freundlich erlebt hatte, auf diese Weise meinen Dank auszudrücken.

Etwas unsicher betrat ich die Kirche, nur eine Handvoll Menschen waren da versammelt – eben, der engste Familienkreis. Ich stellte mich vor und fragte nach, ob ich nicht vielleicht teilnehmen dürfe, wurde herzlich willkommen geheissen und für kurze Zeit aufgenommen in diesen Kreis. Die Zeremonie war liebevoll vorbereitet, ein Solist spielte wunderbare Musik, ein Gedicht wurde vorgetragen und der Lebenslauf des Verstorbenen. Der Friedhofsgärtner hatte – wie er mir später selbst berichtete – beratend zur Seite gestanden und den anfänglich ratlosen Angehörigen den möglichen Ablauf einer solchen Zeremonie skizziert.

Zufällig hatte wenige Tage davor eine Kollegin vom Tod dieses Menschen gehört, und im Gespräch mit ihr stellte sich heraus, dass sie in unmittelbarer Nachbarschaft gewohnt hatte. Sofort sprudelten die Erinnerungen aus ihr heraus: Wie sie am Morgen stets geschaut hatte, ob die Rollladen hochgezogen waren und andernfalls kurz läutete, ob denn auch alles in Ordnung sei. Wie man sich bei Ferienabwesenheiten aushalf, Blumen goss, Post hereinnahm, sich grüsste und voneinander wusste, manchmal ganz Persönliches erfahren hatte beim Gespräch über den Gartenzaun. Die Nachbarin hätte sich auch gerne verabschiedet, wäre gerne an diese Abdankung gegangen. Doch die Formulierung «im engsten Familienkreis» schloss sie aus.

Leben wir Menschen denn wirklich nur im «engsten Familienkreis»? Sind wir nicht weitaus vernetzter im Lauf eines Menschenlebens? Und weiss jener «engste Familienkreis» wirklich immer alles von mir und wer mir wichtig war in meinem Leben? Was, wenn es nicht nur einen «engsten Familienkreis» gibt, sondern vorher schon einen anderen gegeben hat? Was ist mit ex Partnerinnen und ex Partnern? Wo bleiben Primarschulkollegen und -kolleginnen? Vereinsfreundinnen und -freunde? Nachbarinnen und Nachbarn? Parteikolleginnen und -kollegen? Arbeitskolleginnen und -kollegen? Wie soll die heimliche Geliebte sich verabschieden, von der der engste Familienkreis vielleicht nie erfahren hat? Darf der beste Freund der Tochter, die an diesem Tag um ihren Vater trauert, nicht dazu kommen, um zu trösten und durch seine Präsenz zu zeigen, dass er mittragen will?

Wie schön ist es, Tage, Wochen oder Monate nach einer Abdankung einen Menschen zu treffen, der dabei war und mir sagt, dass es eine schöne Feier war und wie gut er sich an so vieles mit meiner Mutter, meinem Vater, meinem Ehemann erinnern kann. An diesem Tag ist mir erstmals bewusst geworden, wie schön ich es finde, dass unsere kirchlichen Abdankungsfeiern grundsätzlich öffentlich sind. Offen für alle, die sich von einem Menschen verabschieden wollen, der ihnen in all den unterschiedlichen Bezügen, in denen wir Menschen miteinander verbunden sein können, wichtig war, ihnen etwas bedeutet hat.
Ich möchte nicht «im engsten Familienkreis» bestattet werden. Bitte nicht.