Unsere kleine Stadt

235000 Baslerinnen und Basler bis 2035

Luftaufnahme der winterlichen Stadt Basel: Aus der Luft ist schön sichtbar, wie weit die Stadt nach Deutschland und Frankreich gewachsen ist.

Luftaufnahme der winterlichen Stadt Basel: Aus der Luft ist schön sichtbar, wie weit die Stadt nach Deutschland und Frankreich gewachsen ist.

Unsere kleine Stadt wächst – aber zu langsam. Zum Autor: Daniel Wiener liess sich bei der früheren «National-Zeitung» zum Journalisten ausbilden. Er ist Kulturmanager, Unternehmer und Berater.

Bald zählt Basel-Stadt wieder 200 000 Einwohner. Zufällig liegt die Zahl der Arbeitsplätze auf gleicher Höhe. Da aber nur etwas mehr als die Hälfte der Bevölkerung erwerbstätig ist, pendeln täglich 100 000, aus der Umgebung ins Zentrum – und zurück. Dies kostet Zeit und beansprucht Raum auf Strassen, (Park)plätzen und in Zügen. Die Mobilität belastet die Staatskasse (etwa via öV-Subventionen oder Infrastruktur-Ausbauten) und auch die Umwelt. Für 2016 meldet das Statistische Amt einen Zuwachs von 443 Wohnungen in Basel-Stadt. Der Regierungsrat begrüsste dies als «erfreuliches Ergebnis». Seine Begeisterung ist nicht nachvollziehbar. Denn die Zahl der Arbeitsplätze wächst jährlich um rund 1000. Und auf eine Wohnung entfällt laut Statistik ein Erwerbstätiger. Die Hälfte der Bevölkerung sind Kinder, Pensionierte oder in Ausbildung. Um die Pendlerströme über die Kantonsgrenze wenigstens zu stabilisieren, müssten deshalb jährlich 1000 neue Wohnungen hinzukommen.

Das bisherige Ziel des Regierungsrates, die Zahl der Kantonseinwohner bis 2035 auf rund 218 000 anwachsen zu lassen, greift angesichts des wirtschaftlichen Erfolgs unseres Kantons zu kurz. Zumal sich ganz andere Möglichkeiten bieten: 1970, auf dem bisherigen Höhepunkt, lebten bereits einmal 235 000 Menschen in Basel-Stadt – und niemand beklagte sich über Dichtestress oder Ähnliches. Eine Rückkehr zu 235 000 Menschen bis 2035 ist schon aus diesem Grund realistisch. Doch müsste Basel-Stadt dafür nicht um jährlich 1000, sondern um 2000 Personen wachsen. Das tönt nach viel mehr, als es in Wahrheit ist: Gemäss «Bevölkerungsszenarien» des Statistischen Amtes von 2016 reicht das Absinken der durchschnittlichen Wohnfläche um einen Quadratmeter pro Person bereits aus, um das «hohe Szenario» der Bevölkerungsprognose von 235 000 bis 2035 zu erreichen. Die gute Nachricht ist: Die Wohnfläche pro Kopf befindet sich bereits im Sinkflug. Sie lag Mitte der Nullerjahre noch bei 42, heute schon bei 41 Quadratmetern. Den angestrebten Wert von 40 erreichten wir letztmals 1997.

Eine grössere Zahl von Siedlungen mit etwas kleineren Wohnzimmern, platzsparende Einrichtungen und die Digitalisierung des Haushaltes würden dazu einen wichtigen Beitrag leisten. Ebenfalls entscheidend für die Raumansprüche ist das Wohnumfeld. Eine hohe Qualität von Strassen, Plätzen und Parks erlaubt es Kindern, wieder draussen zu spielen. Soziale Wohnformen fördern gemeinsame Mahlzeiten, Stuben und Gästezimmer. Die Sharing Economy erlaubt das Wegsparen selten genutzter Gadgets. Kleinere Wohnungen sind auch billiger, was bei wieder steigenden Zinsen einen grossen Anreiz bieten dürfte, Räume zu teilen oder sich zu bescheiden.

Wenn zugleich mehr Wohnungen gebaut werden, sinken die Preise zusätzlich, was allen zugute kommt. Noch nie waren die Pensionskassen so stark an Immobilien interessiert wie heute. Schon lange standen nicht mehr so viele Genossenschaften Schlange, um neuen Wohnraum zu erstellen. Der Kanton muss diese Kräfte bündeln, indem er die 100 Hektaren Industrie- und Verkehrsbrachen, die in Basel-Stadt zur Überbauung anstehen, mit mehr Personal beim Planungsamt viel rascher (und auch demokratischer) entwickelt als bisher vorgesehen. Demokratisch heisst nämlich schneller, da am Ende weniger Einsprachen kommen und sich damit die Realisierungszeiten deutlich verkürzen lassen.

Junge Paare mit Kindern und auch Rückkehrer aus dem Baselbiet drängen in eine Stadt der kurzen Wege mit ihrem vielfältigen Kultur- und Quartierleben. Profitieren würden nicht zuletzt der Detailhandel, der Staat und viele öffentliche Einrichtungen sowie Kulturangebote, die auf mehr Interessierte bauen könnten. Zu guter Letzt gewänne auch die Politik: Denn mit 235 000 Menschen würde Basel-Stadt den 6. Sitz im Nationalrat zurückgewinnen, der 2003 in die geburtenstarke Romandie abwanderte.

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