Mein Leben im Dreiland

50 Euro Stundenlohn – fürs Nichtstun!

Passagiere besteigen ein Easyjet-Flugzeug. (Archiv)

Passagiere besteigen ein Easyjet-Flugzeug. (Archiv)

Peter Schenk über das Geld, welches man als Passagier bei überbuchten Flügen verdienen kann.

Ich wollte es mal locker nehmen. Als ich vorletzten Freitagnachmittag vom Euro-Airport (EAP) zu einem Familienfest mit Easyjet nach Hamburg fliegen wollte, bin ich beim ersten Boarding-Aufruf nicht gleich aufgesprungen. Stattdessen habe ich in Ruhe meinen Kaffee ausgetrunken und bin noch aufs WC gegangen. Als ich mich hinten in der Warteschlange angestellt habe, hiess es per Lautsprecher, dass leider nicht genügend Sitzplätze für alle Passagiere vorhanden seien.

«Wir suchen Freiwillige, die bereit sind, sich auf eine Warteliste setzen zu lassen. Sollte tatsächlich kein Platz mehr auf dem Flug sein, werden sie kostenlos auf einen späteren umgebucht und erhalten 200 Euro», hiess es sinngemäss. Statt um 15.15 Uhr wäre ich um 18.55 Uhr losgeflogen. Ich habe mich geärgert, muss aber auch zugeben, dass ich kurz gezögert habe. Das hätte einen Stundenlohn von 50 Euro fürs Warten ergeben – haben oder nicht haben. Aber letztlich war es mir wichtiger, wie geplant in Hamburg anzukommen.

In der Warteschlange bin ich mit einem Mann ins Gespräch gekommen, der am Wochenende in Norddeutschland lebt und in der Nordwestschweiz arbeitet, deshalb fliegt er häufig. Bei Lufthansa hätte er schon einmal erlebt, dass die angebotene Entschädigung von 200 über 300 auf 400 Euro erhöht wurde. Bei 400 meldeten sich dann die ersten Interessierten. Ein Bekannter aus Basel ist letztes Jahr wegen Überbuchung eines Easyjet-Flugs mit seiner Partnerin beinahe in Madrid hängengeblieben. Geboten wurden 500 Euro fürs Dableiben. Zu zweit sind das 1000. Er hat bedauert, dass sich schliesslich doch noch Platz im Flieger fand. Mit 1000 Euro lässt sich in Madrid was anfangen.

Ich habe mich beim EAP erkundigt, ob Überbuchungen dort ein häufiges Thema seien. «Ist am EAP selten und wir haben keine Beschwerden diesbezüglich», antwortete mir Mediensprecherin Vivienne Gaskell. Zurückzuführen sei es auf sogenannte «no-shows», Leute, die gebucht haben, aber nicht zum Flughafen kommen und nicht in den Flieger steigen. Die Airlines versuchen, dem durch Überbuchungen zu begegnen.

Tatsächlich habe auch ich schon von Leuten gehört, die insbesondere bei Easyjet sehr günstig frühzeitig mehrere Flüge gebucht haben, um nur einen in Anspruch zu nehmen. Üblich ist das wohl auch bei Managern. Easyjet betont, dass auf seinen Flügen im Schnitt nur ein oder zwei Passagiere überbucht würden und dies nur, nachdem man die «no-show-Quote» eines Fluges der letzten drei Monate gecheckt habe. Bei den Freiwilligen liegt die Höhe der Entschädigung im Ermessen von Easyjet. Andernfalls würde man sich an eine EU-Richtlinie halten. Diese sieht bei Flügen, die wegen Überbuchung nicht zustande kommen, bis zu einer Distanz von 1500 Kilometern eine Entschädigung von 250 Euro vor. Dabei kommt es auch darauf an, in welcher Zeitspanne der folgende Ersatzflug startet. Bei längeren Distanzen gibt es mehr Geld.

Ich habe mich gefragt, nach welchen Kriterien die Passagiere ausgewählt werden, die dableiben müssen, falls sich niemand freiwillig meldet. «Leider müssen dann diejenigen zurückbleiben, die als letzte am Abfluggate erscheinen», so Easyjet. Bei meinem Hamburg-Flug sind letztlich doch alle mitgekommen.

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Peter Schenk

Peter Schenk

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