«Meine Oma hat blaue Haare und hält Menschen über 50 für alt und eher langweilig.» Das hat eine ihrer Urenkelinnen einmal in einem Aufsatz über meine Oma geschrieben. Darin wird wohl auch von ihrer legendären Ungeduld die Rede sein und ihrer Bestimmtheit, nennen wir es so. «Die Generalin» sagen sie ihr im Heim. Ich hoffe, es sei auch zärtlich gemeint.

Die langweilige 50 hat sie längstens überschritten, doppelt so alt wird sie morgen: 100 Jahre. «Joj» pflegt sie solche Ungeheuerlichkeiten zu kommentieren. Der Rücken schmerzt, doch der Verstand ist klar. Man kann ihr nichts vormachen: «Die Leute sagen: Was für ein schönes Alter! Aber das ist kein schönes Alter, es ist ein hohes Alter.»

1917 wurde sie in Ungarn in eine Grossgrundbesitzerfamilie geboren, ein reiches Kind der k. u. k. Monarchie. Sie hatte ein Dienstmädchen, lernte Tennis spielen und als eine der ersten Frauen Auto fahren. Dann kamen der Krieg, der Hunger, die Kommunisten, die Enteignung, die Entbehrungen. Und noch so einiges. Ihre Bestimmtheit hat sie sich aus Liebe zu ihren drei Kindern angeeignet; in den härtesten Zeiten hat sie auch das Unmögliche irgendwie geschafft, um die Familie durchzubringen. Er habe sie nie klagen gehört, sagt mein Onkel, ihr ältester Sohn.

Seit Jahren lebt Oma im Zimmer eines Plattenbaus in Bratislava, der sich Haus für Senioren nennt. 300 Euro Rente. Ein Tasse Nescafé Gold ist für sie ein Luxusprodukt. Mir bietet sie Baileys an, «ein Stamperl». Jahr für Jahr gehe ich sie besuchen. Jahr für Jahr steckt sie mir zum Abschied Geschenke zu und begleitet mich ein paar Schritte. Früher bis zum Lift, dieses Mal reichte es nur bis zum Wohnungsflur. Eine Tür geht zu, ihre kleiner werdende Gestalt verschwindet dahinter.