Ich treffe eine Frau. Ihr Mann ist kürzlich gestorben. Wir haben mit einer stillen Bestattung Abschied genommen. Ihm war wichtig, in dieser Stunde seine Frau zu schonen. Auf eine Feier
in der Kirche ist verzichtet worden. Ich erkundige mich bei der Witwe, wie es ihr gehe. Sie berichtet von seltsamen Begegnungen oder Nichtbegegnungen mit Nachbarn und Freunden. Sie habe das Gefühl, man gehe ihr aus dem Weg.

Nach der Beisetzung seien Nachbarn in die Häuser verschwunden, wenn sie vorbeigegangen sei. In ihrer Turngruppe gebe es Frauen, die hätten ihr nie kondoliert. Es fühle sich an, als hätte der Tod ihres Mannes eine Wand zwischen ihr und ihrem Umfeld hochgezogen. Das mache sie noch trauriger und einsamer.

Mir sind solche Berichte vertraut. Sie hängen auch damit zusammen, dass Trauerfamilien zunehmend auf öffentliche Trauerfeiern verzichten. In aller Diskretion, privat, wird Abschied genommen. Danach eine Traueranzeige verschickt: wurde bestattet! Man meint, sich damit zu schonen. Begründet mit seltsamen Worten, wie: man wolle all die Heuchler nicht in der Kirche. Als habe man sein Leben nur mit solchen verbracht!

Stille Bestattungen haben ihr Recht, in besonderen Fällen wie bei kinderlosen Hundertjährigen, bei randständigen Menschen. Tatsache ist: Unsere Gesellschaft verlernt, dem Tod kollektiv in die Augen zu schauen. Er wird als Privatsache unter die Decke eines Tabus gehüllt. Den Tod gemeinsam zu betrauern, fällt schwer.

Es ist wichtig, dass Bekannte, Verwandte, Nachbarn, Arbeitskollegen und Vereinsfreundinnen, Menschen, die früher im Leben eines Verstorbenen wichtig waren, Möglichkeit und Recht erhalten, Abschied zu nehmen, gemeinsam zu trauern, sich zu begegnen – im geschützten, rituellen Rahmen einer Trauerfeier. Wenn man diese Gelegenheit nicht bietet, dann entsteht oft diese unsichtbare Wand, von welcher die Frau oben berichtet. Egal, ob es sich um eine christliche Trauerfeier handelt oder um eine weltliche.

Als Pfarrer eine Trauerfeier stimmig zu gestalten, ist eine Herausforderung, die ich mag. Da investiere ich gern Zeit und Liebe. Manchmal ist es auch eine Crux. Patchwork-Biographien. Ein Ringen um jedes Wort. Gemeinsames Liedgut ist verloren gegangen. Wünsche von passender Musik unterschiedlich. Vorstellungen von Elementen aus katholischen, reformierten, weiteren Traditionen vermischen sich.

Eines beobachte ich staunend immer neu: Wie in einer stimmigen Feier eine Trauergemeinde, die sich hinter eine Familie setzt und Anteil nimmt – eine grosse, heilende Kraft ausstrahlt. Und den Direktbetroffenen wörtlich den Rücken stärkt. Im Besondern, wenn der Tod unerwartet – mitten im Leben oder bei jungen Menschen - gekommen ist. Danach wird kondoliert, umarmt, geweint, geredet. Manchmal sogar gelacht. Und diese eine Begegnung befreit dazu, einander künftig «normal» begegnen zu können.

Nächste Woche feiern wir Christen die Karwoche. Sie endet am Karfreitag. Wir betrauern in diesen Tagen gemeinsam den Tod Jesu. Wer Tod und gemeinsame Trauer nicht ausblendet, für den kann Ostern werden: Fest der Auferstehung, Licht, Freude.