Was für eine schöne Idee mit hoher Symbolkraft: Die Verlängerung der BVB-Tramlinien 8 und 3 nach Südbaden respektive ins Elsass schien der Höhepunkt einer Entwicklung zu sein, die sich vor drei oder vier Jahrzehnten in den Köpfen und Herzen einiger idealistischer Basler breitgemacht hatte. Spätestens seit den 1980er-Jahren träumten sie vom «Dreiland».

Mit diesem Kunstbegriff wurde die Idee einer trinationalen Region Basel beschrieben. Die Idee einer Region, die sich entlang der real existierenden Lebensräume und nicht der geopolitischen Grenzen definieren sollte. Eine Mini-EU mit Vorbildcharakter. Die «Basler Zeitung» widmete dieser Idee – oder wäre hier das Wort «Vision» angebracht? – sogar eine wöchentliche redaktionelle Beilage. Diese verschwand in den Wirren der verlegerischen Sinn- und Geldsuche, die Vorstellung vom Dreiland blieb aber hängen.

Geblieben ist auch eine Vielzahl von Gremien und Gruppen, die sich dem Thema auf institutioneller Ebene annehmen: der Oberrheinrat, die Oberrheinkonferenz, die Trinationale Metropolitanregion, der Distriktsrat und nicht zuletzt auch die IBA, die sich – leider völlig abseits der öffentlichen Wahrnehmung – im vergangenen Jahrzehnt um die städtebauliche Entwicklung der trinationalen Region gekümmert hat.

Diese transnationalen Gremien ausschliesslich als Selbstbeschäftigungsforen für Politiker und Behörden abzutun, wäre ebenso falsch, wie sie als Garanten für Stabilität in der Region zu überhöhen. Sie dienen dem direkten Austausch und den persönlichen Beziehungen, stellen aber in schwierigeren Zeiten nicht automatisch den berühmten direkten Draht zwischen den Entscheidungsträgern in den drei Ländern her. Dazu braucht es geschickte Politiker.

Was mittlerweile aber konkret, also auf lebensweltlicher Ebene, aus der Vision «Dreiland» geworden ist, lässt sich an den verlängerten Tramlinien zweifelsfrei ablesen: Der Achter ist das Vehikel für Konsumtouristen nach Weil am Rhein, und der Dreier fährt derzeit wegen zahlreicher Attacken in der «Banlieue» von Saint-Louis in der Nacht nicht mehr über die Grenze. Hier das florierende Südbaden, dort das darbende Elsass.

Es ist nicht nur eine kolossale kommunikative Fehlleistung der BVB, die nach einem unsäglichen «Basel First»-Prinzip den Betrieb einer Tramlinie teilweise einstellen. Es steckt eine Grundhaltung dahinter: Das Elsass taugt in der Wahrnehmung vieler Baslerinnen und Basler nicht einmal mehr zur benachbarten Gourmet-Region, sondern wird als Wilder Westen wahrgenommen, dessen Eingeborene sie nicht (mehr) verstehen. Verhandlungen scheinen unnötig und überflüssig.

Mit einer Art von post-kolonialistischer Haltung pflegen wir bestenfalls ein gönnerhaftes Verhältnis zu dieser Randregion der «Grande Nation» und legen nonchalant noch eine Million Franken für die Tramlinien-Verlängerung drauf: Wir möchten weniger Suchverkehr in den Quartieren und die Parkplätze für unsere eigenen Autos. Wichtig ist in Sachen öffentlicher Verkehr vor allem, dass der TGV schnell in Paris ankommt. Auch die Kassiererin im Coop mit ihrem lustigen Dialekt finden wir ganz nett, ebenso den Maitre Antony mit seinem feinen Käse in Vieux-Ferrette. Oder aber wir fürchten uns vor grenzüberschreitenden Diebesbanden und fordern mehr Grenzwächter und ein paar Schlagbäume dazu.

Ist das gelebte Partnerschaft? Es scheint, als hätten wir in dieser Phase der wirtschaftlichen Prosperität in Basel den Bezug zur Wirklichkeit verloren. Das Elsass widerspiegelt im Alltag seiner urbanen Ballungsräume eine leider allzu weit verbreitete europäische Realität: jene von einer Jugend ohne rosige Zukunftsperspektiven und jene von einer Wirtschaft, deren industrielle Basis in den vergangenen Jahrzehnten ersatzlos weggebrochen ist.

Aber selbst im «gefährlichen» St-Louis zeigen sich erste zarte Blüten eines Aufschwungs. In dieser Zeitung ist in schöner Regelmässigkeit zu lesen, dass sich immer mehr Expats, die in Basel arbeiten, und selbst Schweizer dort niederlassen möchten und dass sich dies in Wohnbauprojekten konkret niederschlägt. Es geht also etwas im Westen. Aber es wäre ebenso gönnerhaft, dies als Resultat einer Form von indirekter Entwicklungshilfe der finanzstarken Stadt Basel zu deuten.

Die BVB sollten den Dreier sofort auch nachts wieder nach Saint-Louis fahren lassen, selbstverständlich unter entsprechenden Schutzmassnahmen. Das wäre ein wichtiges Zeichen. Würde aus dem «Dreiland» ein «Zweiland», wäre zuallerletzt Basel damit gedient.