Nota Bene

Ah, Lachenmeier

Wegen seines Nachnamens halten bei Benedikt Lachenmeier viele inne.

Wegen seines Nachnamens halten bei Benedikt Lachenmeier viele inne.

Jeder Kleinbasler kennt die Giraffe, die am Klingentalgraben ihren Kopf über den Zaun streckt. Sie steht vor dem Haus, in dem mein Vater zusammen mit seinen zehn Geschwistern aufwuchs. Zwei von ihnen haben das Tier gebastelt. Denn als sie im Treppenhaus des Naturhistorischen Museums eine ausgestopfte Giraffe entdeckten, wollten sie unbedingt auch so eine haben. Einmal wurde die Giraffendame nachts aus dem Vorgarten entführt, tauchte dann aber in der Nachbarschaft wieder auf. An der EM 2008 fiel sie schliesslich einem Fussballfan zum Opfer. Drei Jahre später kreierte meine Cousine zum Glück eine Nachfolgerin.

Familiengeschichten aus dem Hause Lachenmeier gibt es viele. Besonders über meinen Grossvater. In den 1950er-Jahren gab es in Basel noch keine Notschlafstellen. Also richtete er in seiner Malerwerkstatt ein Nachtlager für Obdachlose ein. Meine Grossmutter verpflegte die bedürftigen Gäste. 20 Jahre später lehnte er sich als Basler Grossrat gegen den Kauf von teurer Kunst auf. Der Malermeister behauptete, gleich gut malen zu können wie ein berühmter Künstler – und kopierte nach Aufforderung seiner Ratskollegen wahrheitsgetreu das Werk «Day Before One» von Barnett Newman. Seither hängt das Bild im Entrée des Basler Gewerbehauses.

Das sind nur zwei Beispiele, wie mein Grossvater die Aufmerksamkeit immer wieder auf unsere Familie lenkte. Mit nachhaltiger Wirkung. Es war schon fast ein Running Gag: Las in meiner Schule ein neuer Lehrer die Klassenliste vor, blieb er bei meinem Namen stehen und sagte: «Ah, Lachenmeier». Entweder kannte er meinen Grossvater oder er war mit irgendeiner Cousine meines Vaters in irgendeinem Verein. Mir war das peinlich. Heute noch. Beim ersten Smalltalk mit neuen Bekanntschaften tauchen immer wieder Namen von irgendwelchen Verwandten auf, die ich nicht mal kenne. Wir sind halt schon Viele. Da verliert man schnell den Überblick. Meine Grosseltern hatten 11, meine Urgrosseltern sogar 14 Kinder. Eine grosse Familie hat auch Vorteile. Braucht man Rat, muss man nicht lange suchen. Jede Berufs- und Interessensgruppe ist vertreten. Wir haben Künstlerinnen, Handwerker, Lehrerinnen, Chemiker, Politiker – und so einige Juristen und Psychologinnen in der Familie.

Ich selbst habe Sozialpsychologie studiert, arbeite aber als freier Journalist und Werbetexter. Eigentlich sind wir eine ganz normale Familie. Wenn auch eine etwas grössere und eine mit etwas verrückten Ideen. Und eine mit viel verschiedenen Meinungen. Wenn die Parkkarte pro Jahr statt 140 plötzlich 284 Franken kostet, freut sich die Tante. Mein Onkel ärgert sich. Wenn mein Cousin aktiv an der Fasnacht mittrommelt, zieht meine Schwester in die Berge. Bei einem Thema ist sich aber die ganze Verwandtschaft einig. Auch wenn das Naturhistorische Museum tatsächlich in einen 225-Millionen-Neubau ziehen sollte: Die Giraffe am Klingentalgraben bleibt, wo sie ist.

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