Analyse zur Hafenpolitik

Alles andere als ein sicherer Hafen

Die Idee, das Hafenareal für die Stadt zurückzugewinnen, beflügelt Fantasien.

Die Idee, das Hafenareal für die Stadt zurückzugewinnen, beflügelt Fantasien.

«Wer den Hafen nicht kennt, in den er segeln will, für den ist kein Wind der richtige», sagte der römische Politiker und Philosoph Lucius Annaeus Seneca im ersten Jahrhundert nach Christus einmal – und der Satz war noch nie so zutreffend wie heute und hier.

Ein Basler Hafen in Weil? Oder doch dort, wo er jetzt ist? Mit einem dritten Hafenbecken oder ohne? Und vor allem, was machen wir dann mit dem Westquai, der Hafeninsel? Ein Naturschutzparadies mit ökologisch korrekten autofreiem Wohnen in Genossenschaften für sozial benachteiligte Familien? Oder doch Rheinhattan, das Quartier für Gutbetuchte an der neuen Basler Goldküste? Oder soll er weiter zwischengenutzt werden? Und wenn ja, wie? Und was sagen die Alt-Hippies von der WG Klybeck und die Hobbyzigeuner vom Wagenplatz dazu?

«Wer den Hafen nicht kennt, in den er segeln will, für den ist kein Wind der richtige», sagte der römische Politiker und Philosoph Lucius Annaeus Seneca im ersten Jahrhundert nach Christus einmal – und der Satz war noch nie so zutreffend wie heute und hier. Bei der schier endlosen Diskussion um die Zukunft des Basler Hafens. Einer Debatte, die mittlerweile Schifffahrtsspezialisten, Logistikfachleute, Soziologen, Politiker und Stadtentwickler dauerbeschäftigt. Jeder kocht sein Süppchen, jeder bewirtschaftet seine Interessen und versucht, seiner Klientel möglichst grosse Vorteile zu verschaffen. Nur, warum eigentlich? Allzu oft geht vergessen: der Basler Hafen hat kein Problem, das man dringend lösen müsste. Zumindest keines, das einer dermassen grundsätzlichen Debatte bedürfte.

Diese hat sich einzig und alleine aus einer terminlichen Zufälligkeit juristischer Natur ergeben, nämlich aus dem Auslaufen des Baurechtsvertrags für die Klybeckinsel 2029. Dadurch inspiriert begann ein Reigen von Gedankenspielen, wie die Stadt den Boden anders nutzbar machen könnte. Hier ist der Ausgangspunkt für architektonische Hoch- und Tiefflüge sowie stadtplanerische Träume und Albträume. Der Hafen selbst, er funktioniert, auch wenn einige Herausforderungen anstehen. Und er könnte wohl auch ohne die Insel funktionieren. Allerdings nur, und das betonen die Verantwortlichen für Schifffahrt und Hafenwirtschaft immer wieder, wenn ein neues Hafenbecken gebaut wird.

Ralph Lewin, ehemaliger SP-Regierungsrat und heutiger Präsident des SVS, des Verbandes für Schifffahrt und Hafenwirtschaft, äussert in seiner Verbandszeitschrift Bedenken: «Es wäre wirklich ein Drama, wenn die Hafenfirmen mit ihrer Wertschöpfung und ihren Arbeitsplätzen abziehen würden – und dort dann nichts passiert, weil man noch gar nicht bereit ist.» Nun neigt Lewin weder zur Panik, noch könnte man behaupten, er habe keine Ahnung von der kantonalen Politik. Wenn die Stadt betont, man liege mit den Planungen im Zeitrahmen und der Ex-Magistrat dennoch so besorgt ist, lässt das nichts Gutes erahnen.

Lewin steht nicht alleine da mit seinen Befürchtungen: Ist es überhaupt möglich, direkt neben einem arbeitenden Hafen eine Wohnzone einzurichten, ohne dass es permanent zu Reibungen wegen Lärm und Staub und anderen Immissionen kommt. Und wer hat hier Vorrang?

Der Hafen Basel ist nicht nur für die regionale, sondern auch für die nationale Wirtschaft von grösster Bedeutung. Mit ein Grund, weshalb man sich auch beim Bundesamt für Verkehr Gedanken über die Zukunft macht. Und vielleicht eine Erklärung dafür, dass beim Weiler Oberbürgermeister plötzlich Schweizer Bundesbeamte im Büro stehen, mit fertigen Plänen für einen Hafen auf deutschem Boden. So undiplomatisch handelt nur, wer seine Felle zügig davon schwimmen sieht.

Soll man auf eine Zukunftsplanung am Hafen also ganz verzichten? Nein, ganz sicher nicht. Diese Stadt muss wachsen können. Das soll sie aber nicht ausgerechnet auf Kosten eines ihrer zentralen Wirtschaftssektoren tun, nämlich der Logistik. Es gibt auch Debatten um andere Noch-Gewerbegebiete, wie das Lysbüchel- und das Rosentalareal. Zielführend wäre es, eine Gesamtschau zu machen, den jeweiligen Flächenbedarf und die Perspektiven zu analysieren und sich auch die Frage zu stellen, ob es nicht sinnvoller wäre, Gewerbe und neue Wohnnutzungen möglichst voneinander zu trennen.

Autor

Nicolas Drechsler

Nicolas Drechsler

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