PHILOSOPHICUM

Alles Theater?

Macron weiss sich zu inszenieren.

Macron weiss sich zu inszenieren.

In unserer Kolumne «Philosophicum gibt zu denken» regen Mitarbeiter des Philosophicums in Basel abwechslungsweise mit Denkanstössen dazu an, Alltägliches oder Besonderes einmal anders zu betrachten.

Ein Riesentheater war das wieder, die Präsidentenwahl in Frankreich. Grosse Worte, grosse Gesten. Einmal gibt der Neue sich ernst und feierlich, betont die unermessliche Aufgabe, die vor ihm liege, dann wieder verbreitet er Optimismus und Vertrauen in die Stärke seines Landes. Rhetorisch werden alle Register gezogen. Und dann jener symbolträchtige Auftritt vor dem Louvre, bei dem man den eben gewählten Präsidenten im Halbdunkel minutenlang zu den Klängen der Europahymne voranschreiten sieht – ihn ganz allein. Lächerlich sei das Ganze, findet jemand. Er steht ziemlich allein mit dieser Meinung. Die meisten sind beeindruckt von so viel grandeur et gravité. Ich gehöre auch zu ihnen. Für mich ist Macron glaubwürdig. Ich zweifle nicht an seiner Ernsthaftigkeit und seinem Verantwortungsbewusstsein. Aber wie das? Lassen sich Intellektuelle hier ein weiteres Mal von inszenierter Grösse verführen?

Fest steht allerdings: Der Verführer ist selbst ein Intellektueller. Nicht nur am Institut Montaigne, der Schule des Wirtschaftsliberalismus, verblüffte er mit der Schärfe seines Intellekts. Zuvor hatte er bereits Philosophie studiert, Arbeiten über Machiavelli und Hegel geschrieben und war Assistent von Paul Ricœur gewesen. Pianist hätte er ebenfalls werden können, hört man. Und ja, auch als Theaterdarsteller hat er in jungen Jahren beeindruckt.

Gerade das gibt vielleicht einen Hinweis: Während manch anderer Politiker den Staatsmann mimt, dem es nur ums Wohl seines Landes geht, während nicht zuletzt Ehrgeiz, Geltungssucht und Machtstreben ihn antreiben, spielt Macron offen und bewusst Theater. Er spielt die Rollen, die ihm sein Amt abverlangt und die er spielen muss, um seine Ziele zu erreichen. Gerade dadurch bleibt er authentisch.

Die Glaubwürdigkeit ist ja das grosse Problem heutiger Politiker. Menschlich glaubwürdig wirkt, wer seine Schwächen offen zeigt. Politisch wird man damit gerade unglaubwürdig. Denn die hohen politischen Ämter verlangen nach wahren Übermenschen. In dieser Situation konnte in den USA jemand Präsident werden, der einerseits den Boss markiert und sich andererseits gar keine Mühe gibt, seine primitive Art zu verbergen. Die unverhüllte Charakterlosigkeit erhielt den Vorzug gegenüber der vielleicht nur vorgeschützten Charakterfestigkeit.

Macron dagegen zeigt, dass jene doppelte, gleichsam gegenläufige Glaubwürdigkeit im glücklichen Einzelfall Realität werden kann: Ein ganz normaler Mensch unserer Zeit, der sich für Fussballresultate interessiert und Schokolade isst, bis seine Frau einschreitet, der aber auch weiss, dass man «als Präsident keine normale Person» sein kann. Während andere Intellektuelle die Nase rümpfen, weil Politik für sie nach Ehrgeiz riecht, hat er verstanden, dass das Land und die Politik sein ungewöhnliches Talent braucht.

Eine Wegbegleiterin erinnert sich, dass Macron durch seinen starken, doch zugleich entspannten Willen auffiel. Die Entscheidung für die Politik überraschte seine Umgebung. Nicht der Ehrgeiz, sondern das Verantwortungsgefühl hat ihn dorthin gebracht, wo er als normale Person mit ausserordentlichen Fähigkeiten ein Amt zu bekleiden hat, das über alle Normalität hinausgeht.

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