Besetzung

Am Ende leiden die Schwächsten

Nicolas Drechsler

Die Polizei nahm am Donnerstag in der von linken Aktivisten besetzten Matthäuskirche mehrere Asylsuchende fest. Die Besetzer konnten mit ihrer Aktion ein Zeichen setzen, die Polizei mit dem Durchgreifen ebenfalls. Am Schluss sind es die Schwachen, die einfach nur leiden.

Eine polizeiliche Kontrolle in einer Kirche führt zu acht Festnahmen. Seitens der Unterstützer sind die Schuldigen rasch ausgemacht: zum einen die Polizei selbst, zum andern die Kirche. Letztere habe zu wenig für den Dialog und die Sicherheit von Schutzbedürftigen getan. Die Kirche bestreitet dies. Und sieht sich nun, statt in der gewohnten Rolle der sozialen Institution, in jener des unmenschlichen Bösewichts.

Die Polizei muss sich die Frage gefallen lassen, ob sie an den Sans-Papiers in der Kirche ein Exempel statuiert habe. Um so den immer wieder geäusserten Vorwurf zu widerlegen, sie sei bei Besetzungen auf Weisung von ganz oben generell zu zurückhaltend.

Doch es sind die Unterstützer selbst, die die Polizei in Zugzwang brachten. Wer ständig über die Medien verkündet, hey, schaut her, hier halten sich Leute illegal auf! und sich dann wundern, wenn das Migrationsamt kommt und nachsieht. Das Amt ist verpflichtet, den geltenden Gesetzen im Migrationsbereich Nachdruck zu verschaffen. Wenn es so öffentlich auf einen Verstoss hingewiesen wird, kann es nicht untätig bleiben. Sonst käme bald der – berechtigte – Vorwurf von der anderen Seite des politischen Spektrums, man würde hier einen Gesetzesbruch tolerieren.

Die Unterstützer können zurück in ihre Wohnungen. Die Parteien, die sich nun solidarisch erklären, Medienmitteilungen verschicken und die Ungerechtigkeit der Welt im Allgemeinen und der Migrationspolitik und der Kirche im Speziellen anprangern, tun dies aus ihren warmen Büros heraus. Polizei und linke Aktivisten haben beide ein Zeichen in ihrem Sinne gesetzt. Und während sie sich nun darob gut fühlen können, sitzen die Migranten, die gleich für mehrere politische Aussagen instrumentalisiert wurden, bald in einem Zug nach Italien. Ohne Retourbillett.

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