Mit anderen Augen

An den Menschen vorbeipolitisiert

Mit anderen Augen zu steigenden Preisen und verfälschenden Statistiken.

Die Politiker begreifen nicht, warum die Leute immer weniger Vertrauen in sie haben. Sie leben in einer geschützten Welt, in der mit Statistiken und grossen Zahlen gearbeitet wird. Die Menschen erfahren ihre eigene Realität. Dazwischen sind Welten. Gemäss der Statistik haben wir in der Schweiz seit zehn Jahren keine Teuerung mehr. Die Durchschnittsmieten sind in den letzten Jahren um 14 Prozent gestiegen, die Angebote für Neumieter noch viel mehr. Auch die Preise, um Eigentum zu erwerben, haben in den letzten zehn Jahren enorm zugenommen. Die Käufer zahlen nicht weniger, sondern mehr für das Wohnen. Dabei sind die Hypothekarzinsen auf einem Tiefpunkt. Noch schlimmer ist es beim zweiten Ausgabeposten, der seit zehn Jahren mit etwa 5 Prozent pro Jahr steigt. Die Krankenkassenprämie! Dieser Posten macht bei einer 4-köpfigen Familie schnell mal 1000 Franken pro Monat aus. Das sind 50 Franken mehr Ausgaben bei stabilen oder sinkenden Löhnen. Jedes Jahr wieder.

Die verfügbaren Einkommen werden gleichzeitig kleiner. Die Arbeitnehmer müssen immer mehr Lohnprozente abgeben, um die Pensionskasse zu sanieren. Mehr Mehrwertsteuer abgeben, um die IV zu sanieren. Die Preise steigen beim öffentlichen Verkehr schneller als vorgetäuscht. Es ist noch nicht so lange her, da kostete ein übertragbares U-Abo gleich viel wie ein nicht übertragbares. Das nicht übertragbare hat sich trotzdem in den letzten Jahren um 25 Prozent erhöht. Das echte U-Abo liegt bereits 17 Franken weiter nach oben. Die neu angekündigte Preiserhöhung auf 100 Franken pro Monat ist eine Preissteigerung von 11 Prozent in einem Jahr! Der Staat streicht zur gleichen Zeit die Leistungen im öffentlichen Verkehr zusammen. Die gefühlte Teuerung ist für die Haushalte viel höher als die ausgewiesene Teuerung. Es trifft fast jeden. Es wird gerne geredet über Rentenklau durch die Rentner gegenüber den Jungen. Das ist versicherungstechnisch wahr. Die Lebensrealität der Rentner sieht anders aus. Keine höhere AHV oder Pensionskassenrente stehen steigenden Kosten für Miete, Krankenkasse und Gebühren gegenüber. Höhere Selbstbehalte oder Franchise fressen ins Budget hinein. Es bleibt immer weniger. So haben die meisten Rentner bereits heute kein Luxusleben. Seit zehn Jahren gibt es kaum Lohn- und Rentensteigung. Die Leute spüren gleichzeitig eine Teuerung. Es gibt halt Lügen, grosse Lügen und Statistiken.

Neu sollen die kleinen Einkommen Steuern bezahlen, weil jeder mitbezahlen soll. Ich verstehe nicht ganz, warum Gebühren, Abgaben, Mehrwertsteuer und soziale Versicherungen wie die Krankenkasse nicht als Beitrag an den Staat gewertet werden und nur die Einkommenssteuern ein Beitrag sind. Wenn ein Haushalt dem Staat Geld überweist, sodass der Staat die Leistungen wie Spitäler, AHV oder Schulen bezahlen kann, ist es für den Bürger unwichtig, wie der Staat es nennt. Die Bürger können nicht anders als die Faust im Sack machen und suchen einen Ausweg. Die Politik braucht Zahlen, die der Realität der Menschen entspricht. Sonst kann sie keine Politik für die Menschen machen.

*Herman Steenhof ist Unternehmensberater und Vater von sechs Kindern. Er lebt in Sissach.

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