Persönlich

Anarchie als Moral ohne Zwang

Unser Autor hat lange in Hamburg gelebt und die Autonomen damals von einer anderen Seite kennengelernt, die nichts mehr zu tun hat mit den Demonstrationen vom G-20 Gipfel.

Unser Autor hat lange in Hamburg gelebt und die Autonomen damals von einer anderen Seite kennengelernt, die nichts mehr zu tun hat mit den Demonstrationen vom G-20 Gipfel.

Zwei Stunden hing ich vor der auf Youtube laufenden kommentarlosen Direktübertragung von ABC-News aus dem Hamburger Schanzenviertel. Nicht, dass mich brennende Barrikaden faszinieren würden. Auch finde ich es unpolitisch, Velos und Fernseher ins Feuer zu schmeissen, selbst wenn dazu «a-, anti-, anticapitalista» gerufen wird.

Aber ich habe 15 Jahre in Hamburg gelebt, davon lange in der Nähe des Schauplatzes am Neuen Pferdemarkt, wo sich Schulterblatt und Schanzenstrasse trennen – für mich immer noch ein Stück Heimat. So fragte ich mich an diesem G-20-Abend, weshalb die Polizei stundenlang nur zuschaute.

Dabei habe ich in den frühen 90ern die Autonomen von einer anderen Seite kennen gelernt: Leute aus der Hausbesetzerszene hatten in Altona eine «Foodcoop» gegründet. Jeden Dienstagabend konnte man einkaufen: Biomüesli, alten Gouda und Gemüse von Bauern aus dem Wendland, jenem Landkreis, in dem sich der Anti-AKW-Widerstand wegen des Endlagers Gorleben kristallisiert hatte.

Da schnitt man sich den Käse selber ab, wog ihn oder das Gemüse selbst, notierte Preise, zählte auf dem Zettel zusammen, legte das Geld in die Kasse und entnahm ihr, wenn man den Betrag nicht passend dabei hatte, das Rückgeld.

Das funktionierte jahrelang, bis sich Profiteure unter die heterogene «Kunden»-Schar mischten. Dann musste auch hier jemand die Kasse beaufsichtigen. Doch die unstrukturierte Zeit davor bleibt mir in bester Erinnerung: Anarchie als Moral und Freiheit ohne Zwang – und nicht als Vandalismus mit Streetfighter-Pose.

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Autorin

Daniel Haller

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