Es wäre der Coup schlechthin, der absolute Höhepunkt der Trump-Präsidentschaft: ein Vertrag mit Nordkorea über die atomare Abrüstung des Kim-Regimes. Geht es nach Südkoreas Präsident Moon Jae In, ist der Norden dazu bereit. Ohne Vorbedingungen. Wer soll dem US-Präsidenten eigentlich noch den Friedensnobelpreis streitig machen? 

Zum Gratulieren ist es allerdings zu früh. Denn der Westen und Nordkorea haben eine lange Tradition in gegenseitiger Annäherung und dem anschliessenden Platzenlassen von Verträgen: Bereits Mitte der 90er-Jahre willigte Nordkorea gegenüber den USA ein, das eigene Nuklear-Programm zu stoppen und auf Atomwaffen zu verzichten. In der Folge schlossen Pjöngjang und Washington weitere Verträge über die schrittweise Denuklearisierung Nordkoreas. Das Ergebnis ist bekannt: Heute kann Kim Jong Un amerikanisches Festland mit nuklear bestückten Interkontinentalraketen treffen. 

Begleitet wurde das Aufrüsten – vor allem seit Donald Trump im Weissen Haus sitzt – von lautem Kriegsgebrüll und gegenseitigen Beleidigungen. Seitdem Trump überraschend einem Treffen mit Kim zugestimmt hat, ist es merklich ruhiger geworden. Kim verzichtet derzeit weitgehend auf anti-amerikanische Rhetorik. Am Freitag hat er gar eine direkte Telefonleitung nach Südkorea in Betrieb genommen. Sogar ein Friedensvertrag zwischen dem Norden und dem Süden scheint möglich. 

Das sind gute Entwicklungen, ohne Zweifel. Die neuerliche Annäherung jedoch als Schritt hin zu einem wirksamen Abrüstungsdeal zu lesen, ist zu viel der Hoffnung. Denn auch wenn sich Südkorea und die USA zuversichtlich geben: Solange nicht klar ist, unter welchen Umständen Kim Jong Un auf seine Atomwaffen verzichten würde, gibt es keinen Grund, einen Ehrenplatz im Trump- Tower für die Nobelpreis-Medaille freizuräumen.