Haben Sie auch schon mal eine Antwort auf eine Frage erhalten, die Sie gar nicht gestellt haben? Und haben Sie dann auch erlebt, dass diese Antwort Sie so lange beschäftigt hat, bis sich in Ihnen die entsprechende Frage herausgebildet hat?

Wer sagt denn eigentlich, dass die Fragen immer an erster Stelle und die Antworten immer an zweiter Stelle kommen müssen? Werden wir nicht oftmals mit Antworten konfrontiert, ehe wir für sie bereit sind – im Guten wie im Schlechten?

Manchmal dünkt mich, das ganze Leben sei wie eine Antwort auf eine Frage, die wir – jeder für sich – überhaupt erst an dessen Ende formulieren können.

Denn die entscheidenden Fragen leben doch von unserer Kenntnis darüber, worauf es uns in der Welt ankommt. Die entscheidenden Fragen sind doch gerade die erfahrungsgesättigten – die sich selber vom Wissen nähren, das sie ans Licht bringen möchten. Ja, da steht unsere übliche Frage-Philosophie auf einmal Kopf!

Zumeist betrachten wir Fragen wie leere Gefässe, die mit Antworten gefüllt werden müssen. Wer in einem Gespräch die Fragen stellt, steckt das gedankliche Spielfeld ab. Wer die Fragen hat, ist am längeren Hebel, und so geben in der Melodie des Alltags die Fragesteller den Ton an, in den die Antwortenden einstimmen sollen. Am deutlichsten wird dies in prüfungsähnlichen Situationen, in welchen der Fragehorizont so eng gefasst wird, dass er nur zwei Antworten kennt – die richtigen und die falschen.

Mit Fragen und Antworten lässt sich übrigens auch Geld machen. Das dienstleistungsbeflissene Unternehmen lockt den Kunden an: «Sie haben die Fragen. Wir geben Ihnen die Antworten.» Die Frage ist zur Nachfrage geworden.

Solcherart verstanden sind Fragen intellektuelle Bedürfnisse, für welche die Antworten Befriedigung verschaffen.

Mit dem Fragen und Antworten verhält es sich nicht unähnlich wie mit dem Suchen und Finden. Mir kommt es manchmal so vor, als verhielten wir uns wie der Mann, der am Boden unter einer Laterne seine Schlüssel sucht – nicht etwa, weil er sie dort verloren hat, sondern weil es unter der Laterne Licht gibt. Mit anderen Worten: Wir suchen die Antworten da, wo wir auch unsere Fragen stellen. Und deshalb sind unsere Antworten auch immer nur so gut oder so schlecht, wie die Fragen, die wir stellen.

Doch wir könnten es auch einmal andersherum angehen und zuerst mögliche Antworten wahrnehmen und aus ihnen mögliche Fragen herausschälen. Gewiss, Fragen haben einen guten Ruf. «Wir stellen nur Fragen!» «Wir werden doch noch fragen dürfen!» «Es gibt keine dummen Fragen, nur dumme Antworten!» Wir lernen: Auf die Fragen kommt es an, und wenn wir die richtigen Fragen stellen, bekommen wir auch die richtigen Antworten.

Das ist nicht falsch, aber einseitig. Wir nehmen uns dadurch die Chance, auf Antworten zu treffen, für die wir noch gar nicht die Frage kennen. Wir stellen unserer Wahrnehmung immer wieder Fragen in den Weg, bevor wir überhaupt in die Welt gesehen haben und den Menschen begegnet sind. Aber vielleicht ist ja gerade der Andere mir eine Antwort auf eine Frage, die ich mir erst zu Bewusstsein bringen muss. Und vielleicht bin wiederum ich dem Anderen eine Antwort auf eine Frage, die er sich erst zu Bewusstsein bringen muss.