Ich bin seit Jahrzehnten ein Landei und bleibe es möglicherweise lebenslänglich. Ich gebe aber gerne zu, dass ich mir mit fortschreitendem Alter öfters ein Leben in der ein paar Kilometer entfernten Kleinstadt mit all ihren Vorteilen ausmale: Schnellzugshalte, vielfältige Einkaufsläden in Fussdistanz, genauso nahe ein relativ reichhaltiges Kulturleben. Zudem habe ich Landeier-Freunde, die mit denselben Gedanken spielen und vielleicht schon bald wegziehen. Doch dann kommen immer wieder die Momente, in denen ich kippe. Zum Beispiel die Nächte.

Diese Ruhe auf dem Land, nur ab und zu unterbrochen vom Ruf eines Käuzchens oder vom Ruf eines Rehs. Keine Hochleistungsstrasse, keine Bahnlinie – der Tribut an den Schnellzugshalt – mit nie versiegen wollendem Grundlärmteppich.

Und dann noch dieses Archaische, das man nur auf dem Land vorfindet: Kürzlich meldete eine Bewohnerin eines Hauses am Siedlungsrand dem Wildhüter, dass auf ihrem Sitzplatz ein toter Rehbock liege. Nachforschungen ergaben, dass dieser Rehbock sein Leben in einem wahrscheinlich dramatischen Kampf mit einem Luchs lassen musste. Dabei sind die beiden einen Abhang hinuntergekollert mit – zumindest für den Rehbock – Endstation Sitzplatz.

Solche Vorkommnisse sind das Salz im Leben eines Landeis, auch wenn man sie nicht selber miterlebt hat. Aber alleine das Wissen, dass der Luchs und bald wohl auch der Wolf in nächster Nähe herumstreichen, steigert die Lebensqualität. Es stehen also Wildheit gegen Bequemlichkeit, Ruhe gegen Konsum auf der Waagschale. Letztlich gibt aber wahrscheinlich etwas viel Trivialeres den Ausschlag: die überteuerten Wohnungsmieten in der Kleinstadt.