Es tut mir von Herzen weh, wenn ich sehe, wie meine geliebte Ex-Wahlheimat Frankreich auf der Stelle tritt. Am schlimmsten scheinen mir verkrustete Strukturen und die fehlende Bereitschaft, sich zu reformieren, um den katastrophalen Wirtschaftsdaten und der daraus resultierenden ständig wachsenden Arbeitslosigkeit Einhalt zu gebieten. Dabei war das nicht immer so. Als ich vor Jahrzehnten nach Frankreich gezogen bin, hatten wir an unserem Auto den Aufkleber: «En France on n’a pas de pétrole, mais on a des idées».

Frei übersetzt: «In Frankreich haben wir kein Erdöl, aber Ideen.» Ich fand das damals richtig und habe ständig Beispiele gefunden, wie dieses Land im Gegensatz zu verbreiteten Vorurteilen super gut funktionierte. Insbesondere bei den Dienstleistungen fiel mir das auf.

Ob es nun um den Telefon-, Gas- oder Elektrizitätsanschluss ging oder das damals neue System, in den Restaurants die Bestellung per Minicomputer gleich in die Küche zu schicken: Ich habe oft begeisterte Artikel über gut funktionierende Dienstleistungen geschrieben. Seit Jahren aber ist das vorbei und meine Erfahrungen haben sich geändert.

Weil ich meine kleine Eigentumswohnung im elsässischen Huningue nicht verkaufen wollte, habe ich regelmässig mit französischen Firmen oder der Verwaltung zu tun. Und da gibt es so oft Grund für Ärger, dass es mich nicht wundert, dass dieses Land auch im Grossen nicht mehr funktioniert.

Da ist die Agentur, die meine Wohnung für mich vermietet, über etliche Monate nicht in der Lage, meine E-Mailadresse korrekt zu schreiben. Selbst als dies nach zwei Einschreiben und einem Treffen endlich klappt, schafft sie es nicht, die monatliche Abrechnung zu schicken. Aber auch der Sanitär macht es nicht besser. Er weigert sich bei einem Ausfall der Heizung vorbeizukommen, weil ich die jährliche Rechnung für den Unterhalt nicht bezahlt hätte. Zum Glück bin ich ein ordentlicher Mensch und konnte ihm das Gegenteil beweisen.

Am nervigsten ist aber derzeit der französische Fiskus – da es eine französische Immobilie ist, muss ich die Mieteinnahmen trotz Wohnsitz in Basel in Frankreich versteuern. Drei Briefwechsel hat es gebraucht, damit mein Antrag auf das automatische Abbuchungsverfahren endlich akzeptiert wurde. Das erste Mal hat ein Steuerbeamte den Bankauszug mit meinen Kontodaten verhühnert, den ich nachweislich geschickt hatte. Der zweite Antrag ist zwar angekommen, aber dann brauchte es erneut eine schriftliche Bestätigung von mir, dass ich wirklich mit dem Verfahren einverstanden war.

Derzeit kämpfte ich mit den Formularen für die Steuererklärung, die man normalerweise im Internet herunterladen kann. Das Exemplar für 2015 ist noch nicht auffindbar, eine Mailnachfrage wird nicht beantwortet und per Telefon hänge ich so lange in der Warteschlaufe fest, bis ich schliesslich entnervt aufgegeben habe. Immerhin einen Fortschritt aber gibt es zu vermelden: Die Ansagen, dass das Warten gleich vorbei sei, erfolgen in lupenreinem Englisch und Spanisch. Früher hätte man wegen des französischen Akzents kein Wort verstanden.