Nun steht die grösste Open-Air-Kunstausstellung wieder auf dem Münsterplatz. Auf zweihundert Laternen werden die Sujets präsentiert – von banalen Interna über lokale Ärgernisse und Fettnäpfchen oder nationale Begebenheiten bis zu dramatischer internationaler Politik und gesellschaftlichen Schieflagen unserer Zeit.

Im Gegensatz zu den Präsentationen von Kunstsammlungen in grossen Pinakotheken oder attraktiven Sonderausstellungen ist es vergängliche Kunst. Nach drei Fasnachtstagen verschwindet die ganze Pracht. Im besten Fall werden die Laternenseiten archiviert, fotografisch festgehalten, oft aber auch vernichtet. Fasnachtsmuffel mögen diese Transparente als Schabernack von unseriösen Fasnachtsnarren ignorieren. Tatsächlich ist es jedoch eine respektable und für eine Stadt unserer Grösse unglaublich umfangreiche und intensive Kunstleistung.

Natürlich können nicht alle Laternen hohe professionelle Schöpfungen sein. Das wäre auch deshalb völlig falsch, weil die Basler Fasnacht allen offen steht, und auch blutige Anfänger sich an die Gestaltung wagen dürfen und sollen. Sehr viele Laternen zeugen jedoch von grossem Können, sowohl in der Kreativität der Darstellung des jeweiligen Sujets wie auch in der vielfältigen Umsetzung.

Ein Blick zurück in das letzte Jahrhundert zeigt, dass sich fast alle der bekannten und grossen Künstler in den Dienst der Frau Fasnacht gestellt haben. Und dies, einem wichtigen Grundsatz unseres Brauchtums getreu, anonym. Nur Insider wissen, wer hinter welchem Kunstwerk steckt und welcher Stil zu wem gehört.

Beschränkte sich die Kunst des Laternenmalens vor einigen Jahrzehnten noch auf die traditionelle Bemalung der gespannten und mit Leim gehärteten Leinenstoffe mit Anilin-, früher auch mit Ölfarben, so wird mehr und mehr auch experimentiert mit Kleben, Schneiden, Plotten, dreidimensionalem Gestalten. Das mag für Traditionalisten und Puristen vielleicht ein Gräuel sein, zeigt aber die erfreuliche Weiterentwicklung unserer Tradition, die sich verändern darf und muss.

Die Laternen sind nur eine Komponente der Gestaltungskraft unserer Fasnacht, wenn vielleicht auch die bekannteste und augenfälligste dank der Ausstellung am Dienstag. Aber mehr und mehr stellen auch Wagencliquen mit ihren Mitteln Sujets in bester fasnächtlicher Weise dar.

Und dann sind es natürlich die Züge der Cliquen, in denen hinter ihren Laternen alle Möglichkeiten der Gestaltung und Kreativität ausgeschöpft werden mit den Kostümen, den zentralen Figuren der Tambourmajore, aber auch allen erdenkbaren weiteren Requisiten und Accessoires. Auch hier stecken oft wieder die anonymen «Cliquenkünstler» dahinter.

Durch die Brille der Geschichte weiss man mehr, kennt und nennt die Namen bis hin zu den ganz Grossen wie etwa Jeannot Tinguely oder zur Geschichte mit Joseph Beuys, durch dessen Aktion mit der «Alte Richtig» sogar ein bleibendes Kunstwerk in unserer öffentlichen Kunstsammlung entstanden ist. Im aktuellen Kontext wissen wir auch, dass Jean Dubuffet sich für die Masken und Kostüme seines «Coucou Bazar» einen Larven-Cacheur aus Basel geholt hat.

Die Basler Fasnacht ist ein Eldorado für Künstler, und gleichzeitig auch eine Keimzelle für Laien, die mit der Fasnacht dem künstlerischen Schaffen näher gebracht werden. Wobei mit diesen Zeilen erst die darstellende Kunst erwähnt ist. Die Kunst der Mundart-Dichtung und die musikalische Kunst, insbesondere der Basler Trommelkunst, die Weltgeltung hat, sind noch nicht erwähnt.